Der Ex-Profi über den Tonnentritt, Laptop-Trainer und verpasste Chancen

Interview mit Carsten Lakies: „Habe richtig Bock auf den TSV Waldkappel“

Carsten Lakies ist neuer Fußballtrainer des TSV Waldkappel
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Neuer Trainer in Waldkappel: Carsten Lakies.

Waldkappel – Ex-Bundesligaprofi Carsten Lakies trainiert ab sofort den Fußball-Kreisoberligisten TSV Waldkappel. Wir haben mit dem 49-Jährigen über die bevorstehende Aufgabe und seine bewegte Karriere gesprochen.

Carsten, dass du den TSV Waldkappel übernimmst, das schlägt hohe Wellen. Hast du viele Nachrichten erhalten?

Ja, viele haben sich verwundert die Augen gerieben. Aber ich freue mich sehr auf die Aufgabe und habe richtig Bock auf Waldkappel.

Wie kommt es, dass du dich dafür entschieden hast?

Ich bin derzeit im Fußball nirgendwo beschäftigt, da hat mich Marco Gallinat vom TSV, den ich gut kenne, gefragt, ob ich mir das vorstellen könne. Ich habe mich sofort informiert über die zweigeteilte Kreisoberliga Werra-Meißner, die Ziele und bin etwas in den Verein eingetaucht. Die Aufgabe ist richtig spannend.

Zur Person

Carsten Lakies (49) wurde in Kassel geboren und lebt in Großenritte. Der Weg des Mittelstürmers führte über den KSV Hessen Kassel und Darmstadt 98 im Jahr 1996 zum FC Bayern in die Bundesliga. Legendär seine Einwechslung für Jürgen Klinsmann, als dieser frustriert in eine Werbetonne trat. Ein Jahr später ging er zu Hertha BSC. Er lief viermal in der 1. Liga auf, 30-mal in der 2. Liga. Lakies trainierte unter anderem Baunatal, Göttingen und Lohfelden. Zuletzt war er als Jugendtrainer für Babelsberg und Schalke tätig, ehe er als Leiter einer Spedition arbeitete. Er ist Fußball-Lehrer und Vater zweier Töchter. 

Warst du verwundert über das Interesse?

Nein, wieso auch? Ich freue mich, wenn sich Vereine melden. Ich höre mir alles an. Das Wichtigste ist aber, dass es Klick macht. Dass man Lust hat. Und das ist mit dem TSV Waldkappel der Fall.

Aber du kennst keinen einzigen Spieler, oder?

Alles ist komplett neu, das stimmt. Das ist eine zusätzliche Herausforderung, die mich reizt. Ich muss mir die Jungs erst mal im Training anschauen, wenn wir denn wieder auf die Plätze dürfen. Dann schaue ich, wer für welche Positionen geeignet ist. Bei Baunatal hatte ich Linksverteidiger Jarek Matys zum Stürmer umfunktioniert und er hat dann Tore ohne Ende geschossen. Ich hoffe, dass wir in der Vorbereitung genug Zeit haben, dass ich gut arbeiten kann.

Warst du bereits im Werra-Meißner-Kreis?

Klar, das ist ja ein Katzensprung und ich habe mir hin und wieder auch mal ein Spiel von Weidenhausen in der Verbandsliga angeschaut. Die drei Brüder, die dort spielen, die kennt ja jeder und da guckt man dann auch schon mal zu.

Zuletzt hattest du eine Fußball-Pause eingelegt?

Ja. Vor zwei Jahren war ich für Schalke als U15-Trainer in China tätig, der Verein hatte einen Vertrag mit einem chinesischen Erstligisten abgeschlossen. Zum Glück war ich nur zwei Monate dort. Das war schon grenzwertig. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man nicht lernen wollte, sondern nur kopieren. Das klappt mit Uhren, aber nicht im Fußball. Dann hatte ich die Nase voll und wollte vorerst nichts Neues annehmen. Aber nun ist die Zeit reif, um auf den Platz zurückzukehren. Als Trainer versteht sich.

Auf was für einen Trainer kann man sich freuen?

Ich liebe und lebe Fußball und versuche, die Spieler emotional zu packen. Gefühlt habe ich ja alles erlebt und weiß, wie es zugeht.

Also kein Laptop-Trainer?

(Lacht) Mehmet Scholl hat jetzt die Sprache der jungen Taktik-Trainer kritisiert und beispielhaft den Begriff der diametral abkippenden Doppelsechs genannt. Ich bin da seiner Meinung: totaler Quatsch. Niemand, der selbst gespielt hat, benutzt solche Begriffe. Im Trainergeschäft hat sich viel verändert. Zu meiner Zeit hatten wir zwei Trainer. Den Chef und den Co. Trapattoni und Augenthaler bei Bayern, Röber und Storck in Berlin. Heute gibt es Trainer für alles und viele laufen mit Laptops über den Platz. Das hat für mich nichts mit Fußball zu tun.

Wie verwundert bist du, dass der Name Klinsmann noch nicht gefallen ist?

(Lacht) Irgendwann fällt er. Mal früher, mal später.

Nervt das?

Manchmal. Wenn es nur einzig und allein um seinen Tritt in die Werbetonne geht. Das ist so, wenn sich das Datum dieser Aktion jährt. Oder wenn er irgendwo ein Amt übernimmt, dann ruft mich das auf den Plan. Aber das ist okay und ich weiß, dass das mit mir verbunden wird. Es ist nun mal meine bekannteste Szene. Trotzdem schade wegen meiner Leistungen.

Wie meinst du das?

Giovanni Trapattoni hatte mich ja nicht ohne Grund eingewechselt. Bei den Amateuren war ich richtig gut und habe im Training mit der A-Mannschaft Vollgas gegeben. Von dem Tonnentritt habe ich kaum was mitbekommen, ich war zu fokussiert.

Warum blieb es bei diesem einen Spiel für Bayern?

Ich war total heiß nach meinem ersten Einsatz, bei dem ich eine Riesenchance zum 1:0 hatte, mein Kopfball ging aber nicht rein. Im nächsten Spiel stand ich nicht mal im Kader. Das hat mich geschockt, weil ich ein ordentliches Spiel gemacht hatte. Zu der Zeit war mir längst klar, dass ich an den Adduktoren operiert werden musste. Und dann war ich wohl zu trotzig und habe gesagt, dass wir es jetzt machen. Im Nachhinein vielleicht ein Fehler. So bin ich erst mal ausgefallen. Uli Hoeßen wollte meinen auslaufenden Vertrag verlängern, aber Bayern holte Giovane Elber und mir war klar, dass es für mich als Stürmer schwer wird. Ich stand im Fokus, ging dann nach Berlin.

Wo es auch nicht rundlief.

Ich hatte viele Angebote und und habe mich dann für das der Hertha entschieden. Der Deal wurde wahrscheinlich von den Hoeneß-Brüdern eingefädelt. Leider hatte ich durch OP‘s an der Leiste und einem Handbruch keinen guten Start und stand dadurch bei Trainer Jürgen Röber eher in der 2. Reihe.

Trotzdem hattest du Chancen, oder?

Ja, zum Beispiel mit meinem Startelfeinsatz gegen Bielefeld. Da hätte ich ein Tor machen können, habe aber mit dem Vollspann statt der Innenseite abgezogen. Der Ball ist übers Stadion geflogen, den suchen sie heute noch. Mein Sturmkonkurrent Michael Preetz traf, sein Knoten platzte und er hat dann eine Top-Karriere hingelegt.

Wie blickst du auf diese Zeit zurück?

Ich weiß, vieles hätte anders laufen können. Was, wenn ich den Kopfball bei Bayern reingemacht hätte? Wenn ich die OP verschoben oder vor dem Wechsel nach Berlin mit dem Trainer gesprochen hätte? Letztlich ist es gut so, wie es war. In Berlin habe ich den größten Zusammenhalt erlebt, den man sich nur vorstellen kann. Das war Wahnsinn. Und ich darf für die Bayern-Legenden spielen. Ohne meine Einwechslung und den Tonnentritt von Klinsmann hätte ich diese Chance nie erhalten. Dennoch weiß ich, dass die Bundesliga etwas zu hoch war, ich aber in der 2. Liga ordentlich gespielt habe. In der dritten Liga war ich richtig gut, dort habe ich die meisten Tore erzielt. Ich habe tolle Momente erlebt und bin im Gedächtnis geblieben. Alles ist für etwas gut. Nun freue ich mich auf die Zeit in Waldkappel.

Kommentar von Sportchef Nico Beck

In einer Zeit ohne Fußball wird überall über Fußball gesprochen: Dass das in diesen Tagen in unserem Kreisgebiet der Fall ist, das verdeutlicht die Größenordnung der Trainer-Verpflichtung von Carsten Lakies. Der Ex-Profi heuert beim TSV Waldkappel in der Kreisoberliga an und das Besondere ist: Lakies brennt für diese Aufgabe. Das war dem 49-Jährigen im Gespräch deutlich anzumerken. Der ausgebildete Fußball-Lehrer aus Baunatal ist sich für eine Aufgabe auf Kreisebene nicht zu schade. Statt im großen Stadion coacht er sein Team künftig auf – zumeist aber großartigen! – Dorfplätzen. Er freue sich auf Bratwurst und Bier im Werra-Meißner-Kreis, sagt er. Eine Tatsache, die der gesamten Sportart richtig guttut und beweist, dass Nasen nicht immer hochgetragen werden. Lakies bestätigt, dass er sehr gut in die Region passen kann. Für ein halbes Jahr oder vielleicht auch länger. Bleibt zu hoffen, dass schnell wieder gespielt werden kann. nic@werra-rundschau.de

Von Nico Beck

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