Interview mit Handball-Kreiskoordinator des Werra-Meißner-Kreises

Gerhard Dilcher über alte Zeiten und die WM: „Handball hat sich total verändert“

Seit 20 Jahren Koordinator des Handballkreises: Gerhard Dilcher aus BSA.
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Seit 20 Jahren Koordinator des Handballkreises: Gerhard Dilcher aus BSA.

Heute Abend beginnt für die deutsche Handball-Nationalmannschaft das Abenteuer Weltmeisterschaft. Wir haben mit dem Handball-Koordinator des Werra-Meißner-Kreises, Gerhard Dilcher aus Bad Sooden-Allendorf, über frühere Zeiten dieser Hallensportart sowie über die Weltmeisterschaft gesprochen.

Gerhard, der frühere Weltklassespieler und heutige Fernsehexperte Stefan Kretzschmar hält die WM trotz Corona für sinnvoll und notwendig. Wie siehst du das?

Jetzt, wo die ganze Welt mit dem Virus zu kämpfen hat, kann ich diese Spiele in Ägypten nicht nachvollziehen. Erstmals sind es 32 Teams, das ist für mich der helle Wahnsinn. Da kann zwar auf den reibungslosen Ablauf der Damen-WM im Dezember verwiesen werden, aber allein die Tatsache, dass mit Tschechien und den USA bereits zwei Nationen wegen Coronafällen kurzfristig ausgefallen sind, verlangt ein viel größeres Verantwortungsbewusstsein gegenüber den Spielern. Wie sollen wir unserem Nachwuchs klarmachen, dass kein Spielbetrieb erlaubt ist, aber eine aufgeblähte WM ausgetragen wird? Wir werden ohnehin, das ist meine Befürchtung, nach der Pandemie viele junge Handballer verlieren.

Wo siehst du die direkten Gefahren in Ägypten?

Ich schaue auf unsere Mannen, die werden sicher im Hotelbereich gut abgeschirmt und regelmäßig getestet, aber was ist bei den Spielen, sind auch die Zusammenkünfte in den Hallen sicher? Geplant war zunächst, dass bei den Partien Zuschauer in die Sportstätten dürfen, bei einer Auslastung von 20 Prozent. Zum Glück wurde diese Entscheidung revidiert. Es kann ja sein, dass ich mit meiner Einschätzung völlig falsch liege, aber unter den gegebenen Umständen kann ich die Absagen der Spieler Lemke, Wiencek, Pekeler und Weinhold verstehen.

Sitzt du trotzdem vor dem Fernseher und schaust?

Ich denke, wenn ich das nicht tun würde, dann wäre ich als alter Handballer, Trainer und Schiedsrichter sicherlich falsch gesteuert. Natürlich werde ich kein Match verpassen und der deutschen Mannschaft die Daumen drücken.

Was traust du der Mannschaft denn zu?

Neben Frankreich, Spanien und den skandinavischen Teams sollte auch ohne sage und schreibe neun Stammspieler das Erreichen der K.o.-Spiele möglich sein. Der Kader ist ausgewogen und der Trainer ein alter Handballhase mit großem Erfahrungsschatz, und er kann persönlich viele Erfolge vorweisen. Ab dem Viertelfinale kommt es auch aufs Glück an, du kannst dir die Gegner ja nicht aussuchen.

Fünf Melsunger sind dabei, sie machen ein Viertel des Kaders aus. Und mit Reichmann und Kastening teilen sich zwei Spieler eine Position.

Das ist für die Region eine tolle Sache, ich hoffe, dass speziell der Nachwuchs in Nordhessen davon inspiriert wird. Und mit Lemke fehlt ja noch ein Leistungsträger, der ganz gewiss in der Abwehr vermisst wird. Zum Duell auf Rechtsaußen: Reichmann bringt die Erfahrung vom EM-Titel 2016 mit, wo er mit 46 Toren zweitbester Schütze hinter dem Spanier Rivera war, aber im Moment sehe ich Kastening stärker, weil er die Chancen besser nutzt.

Wagst du einen Streifzug durch die Mannschaft?

Gerne, ich kenne die Stärken, die Schwächen lassen wir mal außen vor. Im Tor wird die Tagesform den Ausschlag geben. Der erfahrene Bitter gehörte 2007 zum Weltmeisterteam, Heinevetter kann jederzeit etwas Außergewöhnliches vollbringen und Wolff ist die Zuverlässigkeit in Person. Der Ausfall von Kohlbacher schmerzt, aber Golla wird am Kreis seinen Weg machen. Links sollte trotz der guten Leistungen von Schiller Kapitän Gensheimer gesetzt sein, die Spielmacherrolle geht an Weber und das Melsunger Duo Kühn und Häfner sollte auf den Halbpositionen erste Wahl sein, wobei ich mir von Kühn wünsche, dass er noch mehr explodiert. Und auf der rechten Seite werden Reichmann und Kastening den deutschen Handballfreunden viel Freude bereiten. Hinter Weber steht noch Youngster Knorr als Mittelmann, eine Alternative wäre der Berliner Drux.

Wie beurteilst du die Entwicklung im Handball?

Der Handball hat sich total verändert. Sicherlich spielen da auch die permanenten Regeländerungen eine große Rolle, die schnelle Mitte, die Feldspielerergänzung für den Torhüter nach Zwei-Minuten-Strafen und dazu kommt das Vernachlässigen der Deckungsarbeit, die auch nach einem Gegentreffer mit dem raschen Kontertor ausgeglichen wird. Früher war die Absicherung nach hinten oberstes Gebot, heute führen Außenangriffe aus Angst vor der Zeitstrafe fast ohne Gegenwehr zum Erfolg. Auch ich habe in meiner Trainerzeit viel wert auf die Defensive gelegt. Meine Devise lautete, wenn du nur zehn Gegentore bekommst, musst du nur elf werfen, um zu gewinnen. Ich erinnere mich an einen Oberliga-Aufstieg mit meinen Damen der TSG BSA. Da hieß unser Gegner in Hin- und Rückspiel WVC Kassel. Die Ergebnisse: 3:0 und 5:4. Aber das ist natürlich lange, lange her.

Als Aktive waren wir beide die Ideengeber unserer Teams. Trotzdem haben wir unsere Aufgaben unterschiedlich interpretiert. Wie ist das heute?

Fangen wir mal oben an. 2007 waren Baur und Kraus zwei agile Mittelmänner beim WM-Titel, die neben den gescheiten Anspielen auch torgefährlich waren. 2016 hießen die Regisseure Strobel und Pieczkowski, die während der EM in Polen jeweils nur vier Tore beisteuerten. Und jetzt kommt mit Weber wieder ein Mittelmann, der gerne den Weg zum finalen Wurf sucht und trotzdem den Kreisläufer und die Halben nicht vernachlässigt. Und abschließend komme ich zu uns. Ich war 20 Jahre Kopf der TSG BSA, habe viel für den Kreis und den Rückraum getan, aber kaum Tore erzielt. Du hast einen ähnlichen Kurs initiiert, bist aber mit deinen legendären Hüft- und Knickwürfen auch ein erfolgreicher Torschütze gewesen.

Von Harald Triller

Zur Person

Gerhard Dilcher (79) ist Handball-Koordinator im Werra-Meißner-Kreis. Der waschechte Badestädter war schon mit 16 Jahren als Betreuer im Jugendbereich tätig, selbst spielte er über 20 Jahre in der ersten Mannschaft der TSG und förderte schon ab 1968 den Damenhandball in BSA. Erfolge: Regionalliga mit den Frauen und Deutscher Vizemeister mit der A-Jugend.

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