Vor 71 Jahren wurden die Weichen für den neuen Deutschen Tischtennis-Bund gelegt

Als Witzenhausen zum Geburtsort des Deutschen Tischtennis-Bundes wurde

Das Protokoll vom 16. Juli 1949 in Witzenhausen, wo die Wiedergründung des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) in Bad Homburg vorbereitet wurde. Fotos/Repros: Siegfried Furchert

Vor 71 Jahren wurde der Deutsche Tischtennis-Bund neu gegründet. Die Weichen dafür wurden in Witzenhausen gelegt.

VON SIEGFRIED FURCHERT

Kaum hatten die westlichen Siegermächte des Zweiten Weltkrieges nach 1946 ihre strengen Auflagen für einen Neustart im Lande etwas gelockert, da regte sich in den deutschen Sportvereinen und Sportverbänden neues Leben.

Überall in den Gemeinden und Städten wollte man die schreckliche Zeit vergessen, durch Sport und Bewegung auf andere Gedanken kommen, neuen Lebensmut schöpfen. Auch in den damals noch selbstständigen Kreisen Eschwege und Witzenhausen, die nach der Gebietsreform 1973 zum Werra-Meißner-Kreis vereint sind.

Bedingung der Besatzungsmacht und US-Behörde für die Zulassung einer Sportart war eine geordnete Organisation in Verbänden und Vereinen. So gründete sich schon Mitte 1945 in Eschwege sehr bald der Freie Volkssportverband, der die ersten Spielpläne für Fußball und Handball ausarbeitete, Vereine bei der Wiedergründung unterstützte. Andere Sportarten folgten. Für den heimischen und deutschen Tischtennissport ist der 16. Juli 1949 ein historisches Datum, als sich in Witzenhausen die Vertreter aller deutschen Landesverbände mit dem „Deutschen Tischtennis-Ausschuss“ trafen und die Neugründung des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) vorbereiteten.

So einfach, wie es sich hier liest, war es nicht. Nach den Verordnungen der damaligen US-Militärregierung durfte sich nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland keine Organisation „gesamtdeutsch“ oder „Bund“ nennen. So wurde in Witzenhausen der DTTB auch nur „de facto“ gegründet und die formellen Voraussetzungen geschaffen, um dann vier Monate später beim 1. Bundestag am 29./30. Oktober 1949 in Bad Homburg, also wieder in Hessen, die „de jure“-Gründung des DTTB vorzunehmen. Der Lübecker Karl-Heinz Eckhardt wurde 1. Vorsitzender.

Warum gerade Witzenhausen als Tagungsort? Matthias Roeper, langjähriger Archivar der Stadt Witzenhausen und selbst aktiver Tischtennisspieler in Witzenhausen und Umgebung, erinnert sich: „In der Witzenhäuser Turnhalle fand eine Jugendsport-Veranstaltung statt, die viele Sportler nach Witzenhausen lockte. In „Sommermanns Garten“, einem Lokal, trafen sich die Vertreter verschiedener schon wieder aktiver deutscher TT-Landesverbände, um mit völlig unzureichenden Mitteln, aber viel Idealismus, am Wiederaufbau des deutschen Tischtennissportes zu arbeiten.“

Schon 1925 gründeten 31 Vereine den ersten Deutschen Tischtennis-Bund, der 1944 in Breslau die letzte Deutsche Meisterschaft ausrichtete (Trude Pritzi und Heinz Benthin siegten). Ab Ende 1945 erlebte TT einen enormen Aufschwung.

Der Tischtennissport war es, der am 8./9. Dezember 1946 in Heppenheim als erste deutsche Sportart überhaupt wieder eine Deutsche Meisterschaft ausrichtete, mit Hilde Bussmann (Düsseldorf) und Dieter Mauritz (München) als Gewinner.

Werra-Rundschau über das historische Ereignis

Unter der Überschrift „Deutscher Tischtennis-Bund gegründet“ berichtete auch die Werra-Rundschau am Montag, dem 18. Juli 1949, über das für die Region denkwürdige Ereignis. Einstimmig wurde beschlossen, hieß es, „den Namen Deutscher Tischtennis-Bund (DTTB) anzunehmen, da sich der bereits 1925 gegründete Bund gleichen Namens die Hochachtung aller in der ITTF versammelten Nationen erworben hat.“ In die Leitung des Präsidiums wurden u.a. Präsident Karl-Heinz Eckhardt (Schleswig-Holstein), Vizepräsident Prof. Walter Durst (Bayern), Geschäftsführer Jupp Schlaf, Sportwart Kurt Buhlmann (beide Nordrhein-Westf.), Jugendwart Harry Onasch (Bayern) und Damenwartin Anni Gries (Bremen) gewählt.

In Witzenhausen wurden aber noch weitere Beschlüsse gefasst, die zum Teil bis heute Gültigkeit haben. Bei unterschiedlichen Auffassungen war das nicht einfach, aber der erkennbare Wille der Delegierten, dem deutschen Tischtennissport einen guten Start zu ermöglichen, war dann ausschlaggebend.

Weitere Beschlüsse: Zur Finanzierung des Bundes wurde ein Beitrag von zwei Mark je Verein und eine Turnierabgabe von je fünf Pfennig beschlossen, es soll mit Sechsermannschaften gespielt und je ein Ausschuss zur Aufstellung der deutschen Rangliste und zur Ausarbeitung einer Wettspielordnung gebildet werden.

Auch beim 1. Bundestag in Bad Homburg, wo alle Beschlüsse genehmigt wurden, war wie in Witzenhausen der Wille, „etwas Positives für die Zukunft zu schaffen“, zu spüren, hieß es aus Teilnehmerkreisen.

Die Gründerväter von 1949 gingen davon aus, dass damals schon bis zu 150 000 aktive Sportler in 3200 Vereinen Tischtennis spielten. Man ging aber davon aus, dass nach Gründung des DTTB eine stürmische Aufwärtsentwicklung einsetzen werde, die dann wenig später auch tatsächlich eintrat. Nur ein Plan konnte keine Realität werden: Man wollte „die Kameraden aus der sowjetisch besetzten Zone unter das Dach des DTTB bringen.“ Doch dieser Plan scheiterte an den DDR-Behörden.

Der erste große Erfolg

Handball und Fußball waren die ersten Sportarten, die in der Region an der Werra nach dem Okay der US-Besatzer die ersten Punktspiele austrugen. Turner, Leichtathleten, Ringer, Basketballer und andere Sportarten schlossen sich sehr bald an. Auch Tischtennis wurde schon gespielt, doch 1945/46 noch nicht in den Vereinen, sondern in einem GYA-Jugend-Entwicklungs- und Hilfsprogramm der USA in der kleinen Halle der Friedrich-Wilhelm-Schule oder im US-Haus in der Reichensächser Straße.
Zu den ersten Jugendlichen, die ab 1945 in Eschwege Tischtennis spielten, gehörten Karl-Otto Heide, Günter Bräutigam, Adolf Braun, Richard Basta, Willi Klemm, Herbert Knierim und Heinz Sahm. Unter ihnen war Heinz Sahm der „König“ und Fachmann. Er hatte 1938 die ostpreußische Landesmeisterschaft gewonnen, kam mit einer Verwundung ins Eschweger Lazarett, blieb nach Kriegsende in der Dietemannstadt und gehörte trotz einer körperlichen Behinderung bald zu den besten Eschweger Spielern. Sahm war so gut, dass er mit seinem Partner Horst Kuhse 1952 auf der Insel Sylt die Deutsche Meisterschaft der Versehrtensportler im Herrendoppel gewann. Der erste große Triumph für Eschweger Sportler.
Vor 1945 nur zum Spaß
Die neue Freiheit nutzten die Eschweger Tischtennisspieler. Karl-Otto Heide: „Vor dem Krieg wurde nur zum Spaß gespielt. Aber ab 45 haben wir trotz primitiver Schläger und Platten gespielt und trainiert, wann immer wir konnten.“ Im Herbst 1945 gründete der TV 1861 die erste Tischtennisabteilung, dem sich viele der Spieler anschlossen.
Im Frühjahr 1946 rief auch die TSG Jahn-Eintracht eine TT-Abteilung ins Leben, in der Manfred Mummert, damals als 16-Jähriger gerade nach Eschwege gekommen und bis vor wenigen Jahren sogar noch aktiv, mitspielte. Der TV 1861 war sofort der stärkste Club in Eschwege, 1946 spielten zwei Damen- und sechs Herrenmannschaften. Karl-Otto Heide: „Mit dem Fahrrad oder auf offenen Militärtrucks fuhren wir zu den Gegnern in Witzenhausen, Grebenstein und Kassel.“ Der Lohn war für das Team um die Spieler Basta, Tiran, Knierim, Brauns, Bräutigam, Sahm, Nemecz, Hartmann und Maschewski schon in der ersten Landsligasaison der Meistertitel. Noch stärker spielte der TV, als 1950 die Jugendlichen Armin Köhler (Hessischer Schülermeister 1948) und Gerhard Dettmar ins Team kamen. Bis 1958 mit weiteren Spielern in der Landesliga aktiv, war der TV stets unter den Topteams.
Ein sehr leistungsstarkes Team spielte in dieser Zeit auch beim HSV Witzenhausen. Erwin Burhenne war einer der bekannten Spieler. Archivar Matthias Roeper: „Die Witzenhäuser waren einige Jahre sogar in der Oberliga aktiv, spielten manchmal vor Hundert Zuschauern.“ Auch Duelle Witzenhausen gegen den TV 1861 gab es.
Eschweger „vergessen“
Die Jahn-Eintrachtler mit dem Team Ludwig, Bensing, Werner, Gress, Beßler und Mummert bewegte sich mehr auf Kreisebene. 1950 wurde es Kreismeister. In diesem Jahr gab es sogar einen Eklat, als der Bezirksvorstand in Kassel „vergaß“, den Kreismeister zu den Aufstiegsspielen einzuladen. Die Eschweger protestierten vergeblich, mussten weiter auf Kreisebene ran. Das bekam der Abteilung nicht gut. Starke Spieler verließen den Club, die Abteilung schlief langsam ein.
Bei immer mehr Interessenten reagierte der Freie Volkssportverband, richtete am 14. Oktober 1946 die erste Spielrunde ein. Erster Kreisfachwart war Karl-Otto Heide, der die ersten Punktspiele organisierte. Den ersten Titel holte Wanfried.
Auch der Fußballclub SV 07 Eschwege gründete 1959 eine TT-Abteilung. Im Vereinslokal Werrastrand stand die erste Platte, an der Rudi Prehm, Horst Immig, Bernd Böhme und Dieter Wenzel spielten. Ab 1979 stand der TTV 79 auf eigenen Füßen. 1962 gründeten 27 Albunger mit ihrem TTC den ersten eigenständigen TT-Verein des Kreises Eschwege, der heute zur Spitze gehört. sf

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