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Interview: „Halbherzig macht es keinen Sinn“ - Stefan Reuß über Rückzug als HFV-Präsident

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Von: Maurice Morth

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Nach dem Rückzug als Landrat des Werra-Meißner-Kreises tritt Stefan Reuß nun auch beim Fußball kürzer: Der Witzenhäuser ist nicht mehr länger Präsident des Hessischen Fußball-Verbandes.
Nach dem Rückzug als Landrat des Werra-Meißner-Kreises tritt Stefan Reuß nun auch beim Fußball kürzer: Der Witzenhäuser ist nicht mehr länger Präsident des Hessischen Fußball-Verbandes. © Imago/Hartenfelser

Nach über 20 Jahren Amtszeit im Vorstand und über 30 Jahren ehrenamtlicher Arbeit für den Hessischen Fußball-Verband (HFV) hat Stefan Reuß sein Amt als Präsident niedergelegt.

Eschwege - Bereits zum Jahreswechsel verzichtete der 51-jährige Witzenhäuser auf seinen Landratsposten im Werra-Meißner-Kreis, um künftig als geschäftsführender Präsident des Sparkassen- und Giroverbands Hessen-Thüringen zu arbeiten. Wir sprachen mit Stefan Reuß im Interview über seinen Entschluss, seine Amtszeit und die Zukunft des Fußballs.

Herr Reuß, das zweite Abschiedsinterview binnen nicht einmal eines Jahres mit unserer Zeitung. Machen die Ihnen eigentlich besonders Spaß?

Klar, ganz besonders (lacht).

Spaß beiseite: Wieso haben Sie sich entschlossen, sich als HFV-Präsident zurückzuziehen?

Vor allem aus zeitlichen und beruflichen Gründen. Im Ehrenamt stehen nun ganz viele Themen an, die einen hohen Zeitaufwand erfordern: die neue Saison unter weniger Einfluss von Corona, die Existenzsorgen vieler Vereine durch die Pandemie und die damit verbundene benötigte Hilfe vom Verband, strukturelle Reformen innerhalb des HFV und natürlich die Europameisterschaft 2024 der Männer mit fünf Spielen in Hessen, bei denen der Landesverband extrem gefordert ist.

Das schaffe ich schlicht nicht mehr neben der Arbeit, deswegen erfolgte nun der klare Rückzug, damit diese Themen in einem guten Rahmen behandelt werden.

Ich höre bei Ihnen ein bisschen Wehmut heraus.

Auf jeden Fall. Ich habe das mit großer Leidenschaft gemacht, über einen sehr langen Zeitraum. Von daher war das keine ganz einfache Entscheidung, ich hätte es gerne weiter gemacht. Aber man muss immer abwägen, was geht und was nicht. Entweder man macht es richtig, oder man macht es gar nicht. Halbherzig macht es keinen Sinn.

Blicken wir auf Ihre Amtszeit beim HFV: Mit was sind Sie zufrieden?

Zufrieden bin ich mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Verbandes und etwa den baulichen Veränderungen, die wir in unserer Sportschule in Grünberg auf den Weg gebracht haben. Inhaltlich zufrieden bin ich auch damit, dass wir viele neue Themen aufgegriffen haben, gerade im Jugendfußball.

Außerdem haben wir den Fußballkreisen und den Vereinen durch den Vereinsservice-Assistenten viel mehr Unterstützung geben können, auch im Bereich der Digitalisierung und Fortbildung sind wir vorangekommen.

Womit sind Sie nicht zufrieden gewesen?

Ich würde sagen, dass wir beim Thema große Strukturen hinterherhängen und bei der Demografie und der damit verbundenen Anpassungsfähigkeit des Verbandes an die neuen Herausforderungen, um weiter einen attraktiven Spielbetrieb aufrechtzuerhalten.

Dort muss aus meiner Sicht in den kommenden Jahren noch einiges passieren, da wir in Hessen ein extremes Gefälle zwischen den Fußballkreisen haben. Es gibt zum Beispiel Kreise im Rhein-Main-Gebiet, die haben viele Vereine, Mannschaften, Spieler und Spielerinnen, aber wenige Fußballplätze. Und dann gibt es im Gegensatz dazu im ländlichen Raum deutlich rückläufige Spielerzahlen. Dort brauchen wir eine höhere Flexibilität als Verband.

Der Beginn der Corona-Pandemie war sicherlich der prägendste Moment in Ihrer Zeit als Präsident.

Das war anstrengend, denn man wusste manchmal wirklich nicht genau, wie man richtig entscheiden soll. Wir haben im HFV dabei gelernt, dass es hohe Befindlichkeiten seitens der Vereine gibt und das man schnell in die Kritik gerät, weil man es nicht allen recht machen kann.

Wir mussten beispielsweise die Saison 2019/2020 wegen des Lockdowns abbrechen und haben beschlossen, dass es keine Absteiger und Aufsteiger gibt. Da fühlten sich natürlich einige Vereine betrogen. Da mussten wir als Verband ganz schön was aushalten. Wir selbst haben immer versucht, die Sache mit ruhiger Hand zu führen und viel Transparenz für alle reinzubringen, damit sich alle mitgenommen fühlen. Das war mir besonders wichtig.

Neben der Pandemie gab es sicher aber auch schöne Momente für Sie?

Es waren tolle Momente dabei. Beispielsweise bei der Verleihung der HFV-Fairplaypreise. Dort haben wir in jedem Jahr ganz tolle Projekte und Menschen kennengelernt und ausgezeichnet.

Natürlich war aber auch das Hessenpokal-Finale immer ein Highlight und der Gewinn des DFB-Pokals von Eintracht Frankfurt, bei dem ich im Berliner Olympiastadion mit dabei sein durfte.

Die Fußballvereine in unserer Region haben mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen, genauso wie die Kommunen mit sinkenden Einwohnerzahlen. Wie sieht die Zukunft des Amateurfußballs aus?

Wir haben schon jetzt das Problem, dass im Jugendbereich für Spiele riesige Strecken zurückgelegt werden müssen. Das ist für die Vereine im ländlichen Raum ein riesiges Problem und eine Herausforderung, um das Fußballspielen weiter so attraktiv wie möglich zu gestalten. Denn es müssen Spieler gefunden werden und dann müssen diese noch dazu motiviert werden, einen hohen Zeitaufwand zu betreiben.

Außerdem kommen nun finanzielle Belastungen hinzu, etwa durch die gestiegenen Energie- und Spritkosten. Vielleicht muss man flexiblere Spielsysteme entwickeln, statt einer klassischen Runde mit einem Spiel pro Wochenende. Vielleicht nur Spieltage an einem oder zwei Wochenenden im Monat, dafür mehrere Spiele auf einmal mit kürzerer Spielzeit.

Reicht das aus?

Das sind Lösungen, die wir versuchen, an die Hand zu geben. Aber wir müssen natürlich dort noch nacharbeiten. Ich habe versucht, den Kreisfußballwarten klar zu machen, dass es eines Angebots für die ganze Familie bedarf, wenn man den Sport attraktiver machen möchte.

Das beinhaltet dann beispielsweise rund um den Sportplatz auch Angebote für den Partner und die Kinder. Es müssen sich alle eingebunden fühlen, das hat was mit Zusammengehörigkeit zu tun, dort kann der Fußball noch sehr viel lernen.

Zum Abschluss: Bleiben Sie dem Fußball denn selbst in irgendeiner Art und Weise weiter erhalten?

Ja. Im Moment bin ich noch Präsidiumsmitglied im Süddeutschen Fußball-Verband. Dort würde ich auch über den Verbandstag im Oktober hinaus weiter zur Verfügung stehen. Als Schiedsrichter mache ich aber schon lange nichts mehr.

(Maurice Morth)

Zur Person

Stefan Reuß (51) war seit 2016 Präsident des Hessischen Fußball-Verbandes (HFV). Zuvor arbeitete er bereits lange im HFV-Vorstand. Im Fußball war er bis Mitte der 1990er als Schiedsrichter bis zur DFB-Ebene aktiv. Er stammt aus Hessisch Lichtenau-Velmeden, von 2006 bis Ende 2021 war der SPD-Politiker Landrat des Werra-Meißner-Kreises. Seit 2022 ist er geschäftsführender Präsident des Sparkassen- und Giroverbands Hessen-Thüringen. Reuß ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Witzenhausen.

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