EIN BLICK IN DIE GESCHICHTE: UNSERE SPORTLICHEN ANFÄNGE (1)

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat das Vereinsleben wieder Schwung aufgenommen

Die erste Fußballmannschaft des Tuspo Eschwege im Jahr 1946: (von links) Ballwart Erich Mengel, Adolf Will, Erich Schröder, Heinz Ittershagen, Theo Elsebach, Herbert Vogelei, Georg Siering, Heinz Drewniok, Toni Weller, Horst Sobiralski, Willi Hesse, Erich Güntheroth und Spartenleiter Fritz Jaroschkowitz. ArchivfFotos: Werra-Rundschau

Eschwege - Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Verlangen nach sportlicher Betätigung im Werratal sehr groß. Diesen Anfängen widmen wir eine Serie.

VON SIEGFRIED FURCHERT

Die Stadt Eschwege erlebte am 22. Februar 1945 den letzten großen Bombenangriff, am 3. April erfolgte die Besetzung durch amerikanische Panzer. Da der Volkssturm-Major Gustav Schroeder keinen Befehl zum Widerstand gab, ging die Übergabe der Stadt ohne Blutvergießen und ohne weitere Zerstörungen vor sich.

Aber der Kreis Eschwege lag nach der Aufteilung in Besatzungszonen nur wenige Kilometer vom „Eisernen Vorhang“ entfernt. Der war in den ersten Jahren zwar noch durchlässig, behinderte aber bald die sportlichen Kontakte zu den Vereinen im thüringischen Eichsfeld.

Die ersten Versuche, bei der amerikanischen Militärverwaltung die Wiederzulassung eines Sportvereins zu erreichen, unternahmen Eschweger Bürger schon im Juni 1945. In einem Protokoll heißt es: „Der Turnverein 1861 Eschwege hat als der größte und älteste der Eschweger sporttreibenden Vereine als erster bereits im Juni 1945 Antrag auf Fortführung seiner Arbeit gestellt.“

Aber diesen, wie auch drei weitere Anträge, verwarf die Militärverwaltung. Erst ein fünfter und 750 beigebrachte Unterschriften erweichten die Amerikaner und der TV 1861 erhielt am 15. Juli 1946 das behördliche Ja. Aber nicht als „Turnverein 1861“, sondern als Turnverein 1946, da die Militärbehörden Vereinsnamen mit Jahreszahlen vor 1945 eine Zeit lang beanstandeten.

Geschäftsführer Volkssportverband: Heinrich Sauer.

Der erste in Eschwege zugelassene Verein, der wieder aktiv sein durfte, war aber der Turn- und Sportverein (Tuspo) Eschwege. Für ihn hatten sich sechs Eschweger starkgemacht, die schon in Vorkriegsvereinen aktiv waren: Oswald Martin, Hermann Albrecht (TV 1861), Karl Becker, August Vogt (TV Jahn), Christoph Frank (Freie Turnerschaft) und Heinrich Sauer (Spielvereinigung). Der bereits gewählte Tuspo-Vorsitzende Oswald Martin erhielt am 4. Februar 1946 die Zulassung.

Aber auch die Sportbegeisterten in benachbarten Orten blieben „am Ball“. In Bischhausen, Frieda, Reichensachsen und Waldkappel gab es Bemühungen um eine Wiederzulassung. Am 7. Februar erhielt auch der Freie Sportclub Eschwege-West/Niederhone die von Captain Arthur W. Moore selbst unterzeichnete Urkunde, „am 9. 2. 46 eine Gründungsversammlung abzuhalten“ (siehe Foto unten).

In Frieda war es am 2. März 1946 so weit, gründeten unter anderem Willi Flügel und Ernst Schäfer den „Spiel- und Sportverein Frieda“. In Bischhausen war es Adam Staufenberg, der die Initiative zur Gründung von Rot-Weiß Bischhausen ergriff.

Die ersten Fußballspiele auf Kreisebene wurden am 17. Februar 1946 mit 19 Seniorenmannschaften in einer 1. und 2. Kreisklasse ausgetragen (6 Jugendteams). Die Handballer starteten sogar früher, auch die Leichtathleten begannen zu trainieren.

Aber der wachsende Sportbetrieb musste in geordnete Bahnen gelenkt werden, die Vereine brauchten die Hilfe einer Dachorganisation. Vier Eschweger Bürger, unter ihnen Fritz Sandrock, Inhaber eines Milchgeschäfts, Heinrich Sauer und Fritz Jaroschkowitz, stellten den Antrag, den „Kreisausschuss des Freien Volkssportverbandes“, so etwas wie der heutige Sportkreisvorstand des Landessportbundes, gründen zu dürfen.

Das Erlaubnisschreiben: Auf diesem Dokument bestätigten die US-Behörden, dass der Freie Sportclub Eschwege-West eine Gründungsversammlung abhalten darf.

Das Ja des 1st. Ltn. Karl N. Steinhaus vom „Office of Military Government Landkreis Eschwege“ unterzeichneten Schreibens flatterte dem zum Vorsitzenden gewählten Fritz Sandrock am 22. Januar 1946 ins Haus. Das vom Landratsamt herausgegebene „Eschweger Mitteilungsblatt“, die erste provisorische Zeitung, meldete die Zulassung des Freien Volkssportverbandes am 2. Februar. Alle Anfragen und Meldungen waren an die erste Geschäftsstelle im Gewerkschaftshaus (früher Hotel Löwenstein) in der Friedrich-Wilhelm-Straße 48 zu richten, wo der zum Geschäftsführer und Sportwart berufene Fußballer Heinrich Sauer das Zepter schwang.

Auf den Freien Volkssportverband und Heinrich Sauer wartete jede Menge Arbeit. Im Mitteilungsblatt erschien der Aufruf an die schon bestehenden Vereine, „ihre Mannschaften zu Beginn der Fußball- und Handball-Pflichtspiele am 17. Februar bis zum 25. Januar“ an Heinrich Sauer zu melden. Schon für den 20. Januar rief der neue Volkssportverband „die Vertreter aller Gemeinden, in denen eine Vereinsgründung vorgesehen ist“, zu einer Besprechung ins Gasthaus „Traube“.

Vertreter aus 13 Gemeinden erschienen, die dem kommissarischen Vorstand das Vertrauen aussprachen und ihn für ein Jahr wählten. Die offizielle Gründungsfeier mit vielen Ehrengästen folgte am 10. Februar, der erste Kreissporttag am 14. Juli.

Jetzt konnte es losgehen mit den Fußball- und Handballrunden. Heinrich Sauer arbeitete die ersten Spielpläne aus, die zunächst die von den Militärbehörden zugelassenen Vereine auf die Sportplätze riefen. Es waren die Fußballer des Tuspo Eschwege, dem schon 575 Mitglieder angehörten, des Rasensportclubs Niederhone (202 Mitglieder, heute SC Niederhone), des TuS Reichensachsen 190), Rot-Weiß Bischhausen (73), Wanfried (292) und des TuS Waldkappel (99). Weitere Vereine wie Frankershausen, Hoheneiche, Oberhone und Wichmannshausen kamen bald hinzu. Auf dem Handballfeld kämpften neben dem Tuspo Eschwege schon die Sportler aus Grebendorf, Jestädt, Niederhone, Datterode, Röhrda, Weißenborn und Wanfried.

Nach einer kreisweiten Werbeaktion des Kreisverbandes ergoss sich Ende März/Anfang April eine Antragsflut von Wiederzulassungen über die Geschäftsstelle, die sie an den beauftragten Kreisjugendausschuss im Landratsamt weiterleitete, der auf Anordnung der US-Behörden für die „Durchleuchtung“ der Antragsteller in den Vereinen zuständig war – Erinnerungen an vergangene Zeiten winkten.

Es war aber wohl wenig zu beanstanden, denn die Meldeliste des Kreisverbandes enthielt im zweiten Quartal 1946 bereits die Namen von 39 Vereinen des Kreises, im dritten Quartal 44.

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