UNSERE SPORTLICHEN ANFÄNGE (2) So kam der Tischtennissport in den Werra-Meißner-Kreis

Mit Fahrrädern wurde zum Auswärtsspiel gefahren

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Den Landesligatitel 1952 gewonnen haben (von links) Willi Klemm, Rolf Erhardt, Armin Köhler, Gerhard Dettmar, Erich Schlosser und Günter Rauh vom TV Eschwege.

Tischtennis zählt zu den mitgliederstärksten Sportarten in der Region. Doch wie und wann kam Tischtennis in die Region? Darauf blicken wir in unserer Serie.

VON SIEGFRIED FURCHERT

Wird über die Sportart Tischtennis gesprochen, fällt gleich der Begriff „Sieger China“. Doch die Erfinder des Porzellans und des Schießpulvers waren es nicht, denen wir den Sport Tischtennis verdanken. Die Kinderstube dieser Sportart stand auf der Insel, in England, wo 1874, vor 145 Jahren, Tischtennis zum ersten Mal als „Miniatur-Indoor-Tennis“ auf einer Postkarte erwähnt war.

Der Ursprung

Von England breitete sich das Spiel schnell auch über Europa aus. In Berlin gründete sich 1899 die erste Ping-Pong-Gesellschaft. Vor allem Tennisvereine waren es, die den Sport zur Überbrückung der Winterpause anboten. 1925 richtete der Berliner Tennisclub 1920 die erste Deutsche Meisterschaft aus, im gleichen Jahr gründeten 32 Tennisclubs in München den Deutschen Tischtennisbund (DTTB). Mit der Gründung der Internationalen Tischtennis-Föderation (ITTF) im Juni 1926 trat der Tischtennissport weltweit, in Europa und in Deutschland seinen Siegeszug an.

Und im Werratal und rund um die Kreisstadt Eschwege? Im „Eschweger Tageblatt“ der Jahre 1925 bis 1945 sucht man vergeblich nach Meldungen über aktive Spieler. Der Eschweger Karl-Otto Heide, einer der Tischtennis-Pioniere, dazu: „Vor dem Krieg wurde nur in der Freizeit und zum Spaß gespielt.“

Die Starthilfe

Das änderte sich im Herbst 1945, als im vom Landratsamt herausgegebenen „Eschweger Mitteilungsblatt“ eine Nachricht auftauchte, so Karl-Otto Heide, „in der uns die in Eschwege stationierten Amerikaner im Rahmen des Hilfsprogrammes ´German Youth Activities´ (GYA) für eine sinnvolle Freizeitgestaltung der Jugend ihre Hilfe anboten und uns erlaubten, in öffentlichen Gebäuden Tischtennis zu spielen.“

Dieses Angebot nutzten sie. Heide: „Wir haben in der Turnhalle der Friedrich-Wilhelm-Schule, im Gasthaus Grüner Baum und im Saal des Werrastrandes trotz recht primitiver Schläger und Platten gespielt wann immer wir konnten.“ Und da auch immer mehr Vereine von den Militärbehörden die Erlaubnis zur Neugründung bekamen, wuchs in der Region die Zahl der Interessenten.

Die erste Abteilung

Schon im Herbst 1945 gründete der TV 1861 Eschwege die erste Tischtennisabteilung in Eschwege und im Kreis. Sofort entwickelten sich viele Aktivitäten und der TV 1861 blieb viele Jahre der führende Club. 1946 spielten schon zwei Damen- und sechs Herrenmannschaften im TV. In einer der unteren Mannschaften übrigens der im Eschweger Kreiskrankenhaus beschäftigte Dr. Julius Hackethal, der später als eigenwilliger Chirurg Schlagzeilen produzierte.

Der erste Meistertitel

Aufgrund der Spielstärke startete der TV Eschwege 1946/47 in der Landesliga. Richard Basta, Werner Tiran, Herbert Knierim, Adolf Brauns, Günther Bräutigam, Herbert Schreiner, Heinz Sahm und Willi Knierim bildeten den Stamm, weitere Spieler wie der Ungar Nemecz, „Seppl“ Hartmann, „Bubi“ Maschewski, Rolf Ehrhardt und Erich Schlosser stießen hinzu. Karl-Otto Heide: „Zum Teil mit dem Fahrrad oder auf offenen Militärtrucks fuhren wir zu den Gegnern aus Witzenhausen, Grebenstein und Kassel.“ Der Lohn war schon in der ersten Saison der Meistertitel.

Der Aufschwung

Noch stärker spielte der TV 1861, als 1950 die beiden Jugendlichen Armin Köhler und Gerhard Dettmar ins Team geholt wurden. Das Talent Köhler hatte 1948 mit Partner Ferry Csaßsza die hessische Schülermeisterschaft im Doppel und die Vizemeisterschaft im Einzel gewonnen. Mit den beiden spielte der TV bis 1958 in der Landesliga, gehörte immer zu den Topteams. Mit einem neuen Kader und den Spielern Weigelt, Metz, Bock, Wedekind (der spätere HTTV-Präsident), Rabus, Dettmar, Burhenne und Zündel gelang die sofortige Rückkehr. Der große Wurf dann 1968, als Günter Heinemann, Rolf und Jürgen Kunze, Willi Ernesti, Werner Heinemann, Dieter Wedekind, Hartmut Reeber und Dieter Bock in die Hessenliga aufstiegen.

Die Neu-Gründung

Im Frühjahr 1946 rief auch die TSG Jahn-Eintracht Eschwege eine TT-Abteilung ins Leben. Manfred Mummert, damals 16 Jahre jung und bis vor einigen Jahren beim ETSV noch aktiv: „Ich war froh, als Flüchtling über den Sport erste Kontakte mit den Eschwegern zu bekommen.“ Die Jahner um Harry Werner, Herbert Fischbach, Rolf Dunkel, Herbert Bensing, Rudolf Gress und Rolf Beßler erkannten bald Mummerts Talent, bauten ihn in die „Erste“ ein. Die Jahner waren sportlich erfolgreich, gewannen 1950, u.a. gegen Heldra und Jestädt, die Kreismeisterschaft. Mummert: „Den Schläger von damals, den ich bei Sport-Beyer gekauft habe, besitze ich heute noch.“ Bis Mitte der 1960er- Jahre bestand die Abteilung, wurde dann abgemeldet.

Weil die Fußballer und Leichtathleten der SV 07 Eschwege damals einen Ausgleichssport suchten, gründete auch die SV 07 im Jahr 1959 eine Tischtennis-Abteilung. Im „Werrastrand“ kämpften Rudi Prehm, Horst Immig, Bernd Böhme, Dieter Wenzel, Walter Horchelhahn, Helmut Ritze, Werner Rathgeber, Bernd Hartwigk, Karl-Heinz Wiegand und Rolf Rösler erfolgreich um Punkte, schafften 1965/66 als A-Liga-Meister den Aufstieg in die Bezirksklasse, 70/71 in die Gruppenliga. Nach Differenzen trennten sich die TT-Spieler 1979 von der SV 07, gründeten den eigenständigen Verein TTV 79, der in diesem Jahr 40 Jahre alt wird.

Das wachsende Interesse in der Region

Auch in der Eschweger Nachbarschaft wuchs das Interesse am Tischtennissport, als die meisten Clubs sich auf Kreisebene duellierten. Eine der ältesten TT-Abteilungen im Kreis gehörte zum TSV Waldkappel. Seit 1948 aktiv, spielten die Uhlenfänger über 30 Jahre lang auf Bezirksebene. Schon früh, seit 1946/47 und mit Unterbrechungen flog der TT-Ball bei der TSG BSA, beim TSV Frieda und VfL Wanfried. 1948 gründete sich der TTC Herleshausen, gab aber wieder auf. 1961 spielten die Aktiven dann beim TSV Herleshausen. 1949 meldete sich auch der TSV Jestädt als aktiver TT-Verein, 1950 der TSV Aue, 1951 der SV Reichensachsen. Ab 1960 wurde auch in Wichmannshausen, Hoheneiche, Heldra, Niddawitzhausen, Oberhone, Langenhain, Unhausen, Frankenhain, Vierbach, Vockerode, Wellingerode, Rechtebach, Schwebda, Germerode, Sontra und Nesselröden gespielt. Viele Clubs starten heute noch in Punktrunden. In den 1970er-Jahren kamen Clubs in Krauthausen, Neuerode, Niederdünzebach und Mitterode hinzu. Erfolgreichen Mädchen- und Damensport mit Erfolgen bis auf Bezirks- und Landesebene pflegten die Vereine in Rechtebach, Albungen, Eschwege, Langenhain, Jestädt und Reichensachsen.

1962 - ein besonderes Jahr für zwei Clubs

Für zwei Vereine ist das Jahr 1962 von besonderer Bedeutung. Im Januar 62 gründeten 27 Tischtennisbegeisterte den TTC Albungen, der mit 57 Jahren der älteste eigenständige Verein im Südteil des Werra-Meißner-Kreises ist und sich zu einem der erfolgreichsten Clubs des Kreises entwickelte. Besonders die erfolgreichen Damen des TTC vertraten den Verein bis auf Landesebene. Beim TuS Weißenborn waren 1962 die Handballspieler so etwas wie Geburtshelfer der Tischtennis-Abteilung, die einen Ausgleichssport suchten. Sie spielten Tischtennis und das sogar recht erfolgreich mit zahlreichen Meisterschaften und Aufstiegen. Handball wird in Weißenborn nicht mehr gespielt, aber noch Tischtennis auf Bezirksebene.

Die Sensation: 1964 gewinnen (von links) Wolfgang Stöber, Rolf Wiegand und Jürgen Bartholomäus vom TTC 1962 Albungen die Landrat-Höhne-Plakette.

34 Vereine gibt es noch

Seit 1945 hat sich der Tischtennissport in der Region ständig entwickelt, imponierten die Aktiven durch großartige Leistungen bis auf Bezirks-, Landes- und Bundesebene. Aktuell behauptet der Tischtennissport hinter Turnen, Fußball und den Schützen mit 34 Vereinen und rund 2200 gemeldeten Aktiven in allen Altersklassen im Werra-Meißner-Kreis Platz vier, vor den Handballern, Leichtathleten und Reitern. Diese Position gilt es in Zukunft durch Einsatz der Verantwortlichen und Aktiven, aber auch gute Jugendarbeit zu verteidigen.

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