Klaus Waldhelm ging auf Wa(hl)fang

Vor 40 Jahren: Als ein Wanfrieder Handballer den Europapokal holte

Spielszene aus dem Finalspiel in Lübbecke: Klaus Waldhelm, hier beim erfolgreichen Torwurf, setzt sich gegen den Rostocker Frank Wahl durch. Umgekehrt sah das anders aus. Klaus Waldhelm beschattete den Rekordtorschützen der Gäste so gut, dass er nicht wie gewohnt zum Zuge kam. Das brachte ihm den Ruf als „Wa(h)lfänger“ ein.
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Spielszene aus dem Finalspiel in Lübbecke: Klaus Waldhelm, hier beim erfolgreichen Torwurf, setzt sich gegen den Rostocker Frank Wahl durch. Umgekehrt sah das anders aus. Klaus Waldhelm beschattete den Rekordtorschützen der Gäste so gut, dass er nicht wie gewohnt zum Zuge kam. Das brachte ihm den Ruf als „Wa(h)lfänger“ ein.

Es ist zwar rund 40 Jahre her, aber an den 26. April 1981 erinnern sich viele Wanfrieder Handballanhänger heute noch gern.

Wanfried - Der Grund? Damals gewann der Handball-Bundesligist TuS Nettelstedt in der Sporthalle Lübbecke mit dem 17:14 gegen den SC Empor Rostock den Europapokal der Pokalsieger. Im Siegerteam spielte mit Klaus Waldhelm ein ehemaliger Handballer des VfL Wanfried, der mit großartigen Leistungen einer der Garanten dieses Triumphes war.

Eine berechtigte Frage: Wie kommt ein Wanfrieder zum TuS Nettelstedt? Klaus Waldhelm spielte lange in der 1. Mannschaft des VfL Wanfried. Bis 1973, dann verließ er aus beruflichen Gründen seine Heimatstadt, wohnte in Osnabrück, schloss sich dem niedersächsischen Verbandsligisten TSV Burg Gretesch an. 1975 wechselte der Sport-Student zum Regionalligisten TuS Spenge.

1979 wurde der aufstrebende Bundesligist TuS Nettelstedt auf ihn aufmerksam, bei dem sich Waldhelm mit dem Sponsor Hans Hucke selbst über einen Vertrag einigte. Hucke holte mehrere bekannte Handballer, so vorher auch den bekannten Nationalspieler Herbert Lübking, in das Handballdorf Nettelstedt (rund 2500 Einwohner) und sorgte dafür, dass der TuS nach sechsmaligem Aufstieg von der Kreisklasse bis in die eingleisige Bundesliga aufstieg.

Zur Unterstützung extra aus Wanfried angereist

Der TuS Nettelstedt, der übrigens 1975 das letzte deutsche Feldhandball-Finale gegen TuS Haßloch 14:15 verlor, spielte ab 1977 in der eingleisigen Bundesliga und unterlag 1980 dem Deutschen Meister TV Großwallstadt im deutschen Pokalfinale 15:17. Der Sieger spielte im Europapokal der Landesmeister, Vize-Pokalsieger TuS Nettelstedt bei den Pokalsiegern.

Klaus Waldhelm hatte dank seiner Spielstärke sofort einen Stammplatz im Team. Seine Wanfrieder Freunde, mit denen er weiter guten Kontakt hatte, verfolgten seine Karriere mit Interesse. Und als sich die Nettelstedter sogar für den Europapokal qualifizierten, war die Devise der Handballer: „Wir unterstützen Klaus und den TuS – da fahren wir hin!“

Obwohl zum ersten Mal im Europapokal dabei, die Nettelstedter trumpften wie alte Routiniers auf. In der Vorrunde ein Freilos. Im Achtelfinale hatten die Isländer von Hafnarfjöröur beim 39:30 keine Chance. Auch Viertelfinal-Gegner Alicante aus Spanien, der Pokalverteidiger, konnte den TuS beim 47:36 nicht stoppen, Nettelstedt zog ins Halbfinale gegen Baia Mare ein. In Rumänien unterlag der TuS 20:24.

In allen Partien war Klaus Waldhelm dabei und überzeugte mit guten Leistungen. Zum Rückspiel in der Lübbecker Kreissporthalle der erste Wanfrieder Einsatz: Ein Bus voller Wanfrieder Handballfreunde reiste an, um Klaus Waldhelm und seine Kameraden lautstark zu unterstützen. Es lohnte sich.

Von den fast 4000 Zuschauern gepuscht, besiegten Klaus Waldhelm und sein TuS die starken Rumänen 23:16 (gesamt 43:40), zogen damit ins Finale gegen den DDR-Pokalgewinner SC Empor Rostock ein, der sich gegen den zweifachen Cupsieger Metal Sabac aus Serbien durchsetzte. Für die Unterstützung bedankte sich Klaus Waldhelm bei seinen Wanfrieder Freunden auf besondere Art: Eigenhändig schleppte er einen Kasten Bier in die Zuschauerränge, stieß mit den Fans an und zusammen stimmten sie auch noch das Wanfrieder Handball-Lied an. Feucht-fröhliche Heimfahrt der Wanfrieder.

Es ist geschafft: Die Nettelstedter „Jimmy“ Waltke (rechts) und Klaus Waldhelm mit dem Pokal.

Die Wanfrieder Fans hatten nach dieser Partie Appetit auf mehr Europacup-Handball bekommen. Doch auch für das Final-Rückspiel gegen Rostock noch einmal Karten für einen vollen Bus zu bekommen – bei dem Interesse in Lübbecke unmöglich. Aber Klaus Waldhelm schaffte es, seinen Wanfrieder Fans wenigstens Tickets für eine Pkw-Besatzung zu besorgen. So sahen am 25. April 1981 VfL-Abteilungsleiter Heiner Schmidt, VfL-Spieler Volker Winter, der noch Kontakt zu Waldhelm hat, Siegward Schwandt und WR-Redakteur Siegfried Furchert in der Lübbecker Kreissporthalle das Finale.

Obwohl die Nettelstedter die erste Partie am 18. April bei den favorisierten Rostockern 16:18 verloren, waren nicht nur die 4000 Zuschauer, auch die TuS-Mannschaft optimistisch, dass man den Spieß noch drehen könne.

Denn in Rostock hatten Waldhelm und Kameraden in dem besonders hochklassigen Spiel mit Kampfgeist und Einsatz gut mitgehalten und einen Grundstein gelegt. Bei Halbzeit lag der TuS zwar schon 11:6 zurück, steigerte sich aber, spielte selbstbewusst weiter und gönnte den Rostockern nur zwei Tore Vorsprung.

Die nationale Presse sah aber noch einen anderen Grund, warum die Rostocker ihrer Favoritenrolle nicht gerecht wurden. Zitat aus einem Zeitungsbeitrag nach dem Finale: „Entscheidend in beiden Begegnungen zugunsten des TuS war, dass Klaus Waldhelm sowohl auswärts als auch im Rückspiel den Bomber der Rostocker, Frank Wahl, weitgehend neutralisierte.

Der damals für viele Experten weltbeste Handballer schaffte zwar in Hin- und Rückspiel insgesamt 15/6 Tore (in Rostock 9/6, in Lübbecke 6/1), kam aber bei Waldhelms Bewachung nicht so zum Zuge, wie man es von ihm gewohnt war. Und schon hatte die Presse aus Klaus Waldhelm einen „Wa(h)lfänger“ gemacht.

Klaus Waldhelm war da

Die „Frankfurter Allgemeine“ schrieb: Vor dem Spiel in Lübbecke wurde eine kesse Lippe riskiert, Klaus Waldhelm werde heute sicher wieder auf Wahl-Fang gehen. Waldhelm selbst war solch überbordende Erwartung eher verdrießlich. Aber Trainer Karchers Rechnung ging auf.

Freudenschrei nach dem Europapokal-Triumph: Klaus Waldhelm (rechts) und Keeper Klaus Wöller jubeln.

Wie siamesische Zwillinge stampften die beiden über das grüne Parkett, wo Wahl war, war Waldhelm nicht weit. Er stellte sich mit seinem gutmütigen vollbärtigen Gesicht unverdrossen vor den Star aus Rostock, entnervte ihn quasi.

Bezeichnend: 20 Sekunden vor dem Ende vergab Wahl beim 16:14 eine große Torchance, die Rostock den Gesamtsieg gebracht hätte. Im Gegenzug warf Harry Keller Sekunden vor dem Abpfiff den Siegtreffer zum 17:14.

Der einzige Schaden, den Klaus Waldhelm davontrug, war schließlich ein verirrter Sektkorken, der bei der Siegesfeier des „Wa(h)lfängers“ Zähne beschädigte. Auch die Partie in Lübbecke hatte nicht das Niveau, das man von diesem Finale erwarten durfte. Aber spannend war die Partie, weil keinem Team ein großer Vorsprung gelang. Und immer wenn die Rostocker hohe Handballkunst demonstrierten, setzten die Gastgeber Kraft, Wucht und Durchsetzungswillen entgegen.

Immer wieder angetrieben von Nationalspieler „Jimmy“ Waltke und Klaus Waldhelm, der neben seiner gut gelösten Sonderaufgabe auch noch drei Tore warf. Urplötzlich tauchte er im Angriff auf, schaffte nach dem 3:0, 10:8 und 13:11 drei ganz wichtige Treffer. Die Nettelstedter Rechnung war einfach: Nach 16:18 und 17:14 die Gesamtbilanz 33:32 Tore – ein Treffer mehr brachte dem Handballdorf Nettelstedt den Europapokal. Bejubelt vom Team, von den 4000 Zuschauern und natürlich von den Wanfrieder Freunden. Heiner Schmidt und Volker Winter: „Eine großartige Leistung der Nettelstedter und von Klaus Waldhelm.“

Die Wanfrieder Handballer Volker Winter, Heiner Schmidt und Siegward Schwandt waren beim Pokalsieg als Zuschauer dabei. Schmidt präsentiert hier die Spielberichte, die der Abteilungsleiter von 1981 im von ihm aufgebauten VfL-Archiv gesammelt hat.

Wochen nach dem Cuptriumph besiegten die Nettelstedter im deutschen Pokalfinale 1981 den VfL Günzburg mit 22:17, doch zu weiteren Großtaten im Europapokal und in der Bundesliga reichte es nicht mehr. Einige Spieler verließen den Club, der TuS stieg in die 2. Bundesliga ab, später aber wieder auf (Aktuell ist der TuS Nettelstedt in der 2. BL aktiv). Klaus Waldhelm wechselte 1983 für drei Jahre als Spielertrainer zum Verbandsligisten Barnsdorf, 1987 noch einmal für ein Jahr nach Spenge. 1988 spielte Klaus Waldhelm noch ein Jahr für den OSC Osnabrück, ehe er als 35-Jähriger die erfolgreiche Karriere beendete.

Förderschule aufgebaut

Nun wurde die Familie mit zwei Töchtern und den mittlerweile sieben Enkeln neuer Mittelpunkt. Als Realschullehrer war Waldhelm einige Jahre tätig, bis er 1989 etwas Neues probierte: In Minden gründete er einen Möbelladen und führte ihn bis 2000, als er das Geschäft wegen der Erkrankung seiner pflegebedürftigen Frau schließen musste.

Sich als 48-Jähriger zur Ruhe setzen? Aber Klaus Waldhelm doch nicht. Er nahm 2004 das Angebot an, in Vechta eine Förderschule aufzubauen, ihr Direktor zu werden und selbst eine Gruppe schwieriger Schüler zu betreuen. Waldhelm: „Eine Tätigkeit, die mir heute noch sehr viel Freude bereitet.“ Das auch, „weil ich von den Schülern viel Dankbarkeit erfahre“.

Klaus Waldhelm im Jahr 2021: Ohne Bart und mit Hund Bantu.

Aber auch dieses Kapitel ist bald geschrieben. 2017 hat Klaus Waldhelm einen Herzinfarkt überstanden. Im Gespräch mit dieser Zeitung: „Und ich werde 70, da sollte man langsam auch mal an sich denken und aufhören, auch wenn es schwerfällt.“

Auf Rat können seine Nachfolger aber weiter hoffen. Ein sportlicher Rückblick fällt durchweg positiv aus: „Ich bin rundum zufrieden, habe viele schöne Erinnerungen. Die Handball-Zeit war eine besonders schöne Zeit. Ich habe in meiner Karriere aber auch viel Glück gehabt,“ deutet Klaus Waldhelm an, dass die auch anders hätte verlaufen können.

Aber auch Wanfried und den VfL, bei dem er das Handballspiel lernte, hat Klaus Waldhelm nicht vergessen. Er freute sich über Wanfrieder Besuche bei Spielen des TuS Nettelstedt, über die noch bestehenden Kontakte, die er selbst bei gelegentlichen Besuchen in seiner alten Heimat, wie beim VfL-Handballtag 2012, pflegt. Waldhelm: „Vielleicht klappt es ja mal wieder!“ (Siegfried Furchert)

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