„Ich möchte einfach positiv überrascht werden“

Timo Kastening im Interview: Profi der MT Melsungen über seine erste Olympia-Teilnahme

Vorfreude pur: Timo Kastening sorgt nicht nur als Rechtsaußen, sondern auch als Kabinen-DJ der deutschen Mannschaft für gute Stimmung.
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Vorfreude pur: Timo Kastening sorgt nicht nur als Rechtsaußen, sondern auch als Kabinen-DJ der deutschen Mannschaft für gute Stimmung.

Heute der Umzug ins Olympische Dorf nach Tokio, am Samstag ab 9.15 Uhr (ZDF/Eurosport) das Auftaktspiel gegen Europameister Spanien – langsam wird es ernst für die deutschen Handballer. Für Rechtsaußen Timo Kastening von der MT Melsungen ist es die erste Olympia-Teilnahme. Wir haben mit dem Handballer des Jahres 2019 vor der Abreise aus dem Trainingslager in Tokushima gesprochen.

Kassel – Heute der Umzug ins Olympische Dorf nach Tokio, am Samstag ab 9.15 Uhr (ZDF/Eurosport) das Auftaktspiel gegen Europameister Spanien – langsam wird es ernst für die deutschen Handballer. Für Rechtsaußen Timo Kastening von der MT Melsungen ist es die erste Olympia-Teilnahme. Wir haben mit dem Handballer des Jahres 2019 vor der Abreise aus dem Trainingslager in Tokushima gesprochen.

Wie haben Sie als Kind die Olympischen Spiele verfolgt?

Genauso wahrscheinlich wie andere Jungs auch. Ich habe mir auf der Couch alles reingezogen: Leichtathletik, Schwimmen, die Hockey-Teams. Vor allem die Sportarten, in denen die Deutschen erfolgreich waren. Aber auch eben die, in denen die Superstars wie Michael Phelps und Usain Bolt für Aufsehen sorgten.

2004 holte das deutsche Team Olympia-Silber. Wie haben Sie da mitgefiebert?

Die Sommerspiele in Athen waren die ersten, an die ich mich erinnern kann. Von damals sind mir insbesondere Vlado Sola und Mirza Dzomba im Kopf geblieben. Die beiden Kroaten, die mit ihrem Team ja auch im Handball-Finale gegen Deutschland gewonnen haben. Dzomba war so eines der wenigen Vorbilder, die ich hatte. Ich fand ihn damals richtig klasse. Dennoch hatte ich natürlich der deutschen Mannschaft die Daumen gehalten.

Jetzt sind Sie erstmals unter den Olympischen Ringen im Einsatz. Wie groß ist die Anspannung bei Ihnen kurz vor Beginn der Sommerspiele?

Die ist erst mit den letzten Tagen gekommen. Allerdings hat sich bei mir auch eine große Vorfreude eingestellt. Es ist einfach schön zu wissen, dass es jetzt ins Olympische Dorf und dann Schlag auf Schlag geht. Wir sind jetzt alle darauf fokussiert, unsere beste Leistung abzurufen.

Das erste Mal, dass Sie so weit von zu Hause als Handballer im Einsatz sind?

Nein, ich war schon 2015 bei der U21-WM in Brasilien dabei. Und ich habe auch schon an den Olympischen Spielen der Jugend in Trabzon teilgenommen, also auf asiatischem Boden der Türkei. Beides waren unglaubliche Erlebnisse.

Viel Ablenkung war in den vergangenen Tagen nicht möglich – oder?

Wir machen grundsätzlich nicht viel anders als sonst auch: Kartenspiele, Gesellschaftsspiele, Lesen, Musikhören und mit den Kollegen zusammensitzen. Durch Corona haben wir kennengelernt, dass wir nicht irgendwo hingehen und einen Kaffee trinken können. Das ist super-schade.

Was erwarten Sie vom Zusammenleben im Olympischen Dorf?

Ehrlich? Erst mal gar keine. Weil alles, was man liest und hört, negativbehaftet ist. Ich möchte einfach nur positiv überrascht werden. Und natürlich möchte man mit dem Team Deutschland gesellschaftlich und auch sportlich eine schöne Zeit zusammen haben. Da gibt es viele interessante Persönlichkeiten, die ich gern mal treffen würde. Zum Beispiel Stefan Kuntz, der Trainer unserer Olympia-Fußballmannschaft, der bodenständig und sehr sympathisch rüberkommt.

Die deutsche Mannschaft startet zunächst nur mit einem Rechtsaußen ins Turnier – und das sind Sie. Wie viel Druck verspüren Sie selbst?

Es ist nicht selbstverständlich, mit 26 Jahren die alleinige Verantwortung auf einer Position zu tragen. Eine sehr besondere Situation. Ich sehe es als großen Vertrauensvorschuss von Bundestrainer Alfred Gislason. Und natürlich möchte ich das in mich gesetzte Vertrauen bestätigen.

Sie sind nicht nur als Torschütze gefordert, sondern auch als Kabinen-DJ. Was werden Sie auflegen?

Ich habe mir schon ein paar Gedanken gemacht. Erst einmal gibt es das Übliche, ein bisschen Rock, ein bisschen R’´n’B, ein bisschen House-Musik und ein paar spanische Songs, um locker zu werden. Und wenn wir gewinnen, dann bestimmen auch Schlager und deutsche Volksmusik meine Playlist. Diese Lieder laufen nach Siegen immer gut.

Die letzte deutsche Niederlage gab es bei der WM im Januar gegen Spanien. Wie gehen Sie die Aufgabe an?

Ich sehe es so, dass wir bei der EM 2020 chancenlos waren, die Spanier bei der Weltmeisterschaft im Ägypten aber am Rand einer Niederlage hatten. Leider waren wir über die 60 Minuten nicht konstant genug. Wir haben unser Niveau nicht gehalten. Die Spanier haben dagegen wenig Ausschläge. Für uns ist das Auftaktspiel extrem wichtig. Wir wollen zeigen, dass mit uns zu rechnen ist.

Was hat sich beim deutschen Team seit der WM verändert?

Gestandene Spieler sind zurückgekommen. Und weil diese Jungs schon nachgewiesen haben, dass sie auf hohem Niveau spielen können, gibt das der Mannschaft ein gutes Gefühl. Da sind wieder Spieler dazugekommen, die uns beispielsweise in kritischen Situationen sehr helfen können.

Die Vorrundengruppe besteht aus einigen Handball-Schwergewichten. Welche Rolle trauen Sie Ihrem Team zu?

Nach dem zwölften Platz im Januar bei der WM und Rang fünf bei der EM 2020 sollten wir erst einmal demütig in jedes Spiel gehen. Wir sollten uns aber auch bewusst machen, dass wir eine gute Mannschaft haben – gefühlt aus meiner Sicht ist es sogar die beste, seit ich für die Nationalmannschaft spiele. Dementsprechend wollen wir jedes Spiel gewinnen. Das wollen zwar andere Teilnehmer auch, aber diese Attitüde brauchen wir, um ins Halbfinale kommen zu können, was auf jeden Fall realistisch ist. Wir müssen einfach alles in die Waagschale werfen. (Björn Mahr)

Zur Person: Timo Kastening

Timo Kastening (26) spiel seit Sommer 2020 für die MT Melsungen. Zuvor trug er das Trikot der TSV Hannover-Burgdorf. Der Handballer des Jahres 2019 stammt aus Stadthagen in Niedersachsen. Seit 2019 läuft der Rechtsaußen für die Nationalmannschaft auf. Im Januar nahm er auch an der WM in Ägypten teil. Er teilt sich jetzt mit Kreisläufer Johannes Golla ein Zimmer. Bereits rund um sein Länderspiel-Debüt im März 2019 gegen die Schweiz waren sie Zimmerkollegen. Kastening ist bei Jil in festen Händen.

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