1. Werra-Rundschau
  2. Wirtschaft

„Es brennt lichterloh“: Deutsche Industrie kappt Konjunkturprognose drastisch

Erstellt:

Kommentare

Siegfried Russwurm: Der Präsident des Industrieverbandes BDI blickt mit Sorgen auf die nächsten Monate.
Siegfried Russwurm: Der Präsident des Industrieverbandes BDI blickt mit großen Sorgen auf die kommenden Monate. © Michael Kappeler/dpa

In der deutschen Industrie wächst angesichts gestörter Lieferketten und des Ukraine-Kriegs die Sorge. Deutschland habe an der Feuerwehr gespart. Nun sei die Situation dramatisch.

Berlin - Die deutsche Industrie hat ihre Prognose für dieses Jahr drastisch zusammengestrichen. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) erwartet für das laufende Jahr nun noch ein Wirtschaftswachstum von rund 1,5 Prozent, wie der BDI zum Tag der Industrie am Dienstag in Berlin mitteilte. Zu Jahresbeginn war der Verband noch von einem Plus von etwa 3,5 Prozent ausgegangen. Zuletzt hatten auch führeende Wirtschaftsforschungsinstitute wie das Münchner ifo Institut oder das Kiel Institut für Weltwirtschaft ihre Prognosen für 2022 zusammengestrichen.

„Der Industrie macht die doppelte Krise aus der russischen Invasion in die Ukraine und den Auswirkungen der Covid-Pandemie zu schaffen“, sagte BDI-Präsident Siegfried Russwurm. „Massive Abhängigkeiten als Preis für Kostenvorteile und Skaleneffekte zu akzeptieren, das war aus heutiger Sicht genauso falsch wie der Verzicht unseres Landes auf eigene hinreichende Investitionen in seine Verteidigungsfähigkeit“, so Russwurm. „Wir haben uns die Feuerwehr gespart, weil wir das Brandrisiko für vernachlässigbar gehalten haben. Jetzt brennt es lichterloh.“

Wir haben uns die Feuerwehr gespart, weil wir das Brandrisiko für vernachlässigbar gehalten haben. Jetzt brennt es lichterloh.“

Siegfried Russwurm, BDI-Präsident

BDI: Ukraine-Krieg legt Achillesferse offen

Deutschland ist immer noch abhängig von russischem Gas und anderen Rohstoffen. Russland hatte seine Gaslieferungen durch die Ostseepipeline Nord Stream gedrosselt. Russwurm sagte, der Krieg habe die „Achillesferse“ des Industrielandes Deutschland aufgedeckt: die Versorgungssicherheit für Energie, Rohstoffe und Basistechnologien.

Russwurm erwartet eine Erholung der Wirtschaft im Sinne einer Rückkehr zum Niveau vor der Corona-Pandemie frühestens zum Jahresende. Voraussetzung aber sei, dass russisches Gas weiterhin Westeuropa erreiche. „Eine Unterbrechung hätte katastrophale Auswirkungen auf die produzierende Industrie und würde unsere Wirtschaft unweigerlich in die Rezession schicken.“

BDI: Auftragsbestand auf Rekordhoch

Zwar sei der Auftragsbestand bei den Unternehmen auf Rekordhoch. Aufgrund von Lieferengpässen sei die Produktion aber zum Teil erheblich beeinträchtigt. Unsichere Konjunkturaussichten und gestiegene Unsicherheiten durch den Krieg bremsten außerdem die Investitionstätigkeit der Firmen. Auch die Aussichten für den Export korrigierte der BDI nach unten. Gerechnet wird nun 2022 mit einem Wachstum um 2,5 Prozent, im Januar hatte der Verband noch ein Plus von 4,5 Prozent vorhergesagt.

Beim Tag der Industrie wurden am Dienstag Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und unter anderen Finanzminister Christian Lindner (FDP) und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) erwartet. Russwurm begrüßte erneut die Pläne Habecks, um den Gasverbrauch in der Industrie zu verringern. Stattdessen soll mehr Kohle verstromt werden. Gas als „Brücke“ sei nötig, diese Brücke aber werde teurer werden. Die Hoffnung sei, dass sie auch kürzer werde. Die erneuerbaren Energien müssten schneller ausgebaut werden, dazu müssten Bremsen gelöst werden.

BDI lehnt staatliche Energiespar-Vorgaben für Privathaushalte ab

Der BDI-Präsident sprach sich gegen mögliche gesetzliche Verpflichtungen für private Haushalte aus, um den Gasverbrauch zu verringern. Er sagte, er fände vorgeschlagene Prämien für Verbraucher sinnvoll, um Gas einzusparen.

Angesichts von Forderungen etwa aus der Union über längere Laufzeiten der drei noch verbleibenden Atomkraftwerke in Deutschland über das Jahresende hinaus zeigte sich Russwurm skeptisch. Die Betreiber selbst hätten dem widersprochen. Dagegen sei es schwierig, andere Länder zu bitten, ihre Gasförderung zu erhöhen, in Deutschland dies aber selber auszuschließen. Dies sei eine schwierige Argumentation.

Aus der FDP kam der Vorstoß, das Verbot der Erdgasförderung in Deutschland durch das sogenannte Fracking auf den Prüfstand zu stellen. Dabei wird Gas oder Öl mit Hilfe von Druck und Chemikalien aus Gesteinsschichten herausgeholt, was Gefahren für die Umwelt birgt. (dpa/utz)

Auch interessant

Kommentare