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Biogas: Lösung für die Energiekrise?
Verbandschef klärt über Netzstabilität und Artenschutz auf

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Von: Matthias Schneider

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In Biogasanlagen werden Abfälle aus der Landwirtschaft wie Gülle oder Mist verarbeitet.
In Biogasanlagen werden Abfälle aus der Landwirtschaft wie Gülle oder Mist verarbeitet. © PantherMedia / CreativeNature

Die Energiepreise schießen derzeit durch die Decke. Der Ruf nach Alternativen zum russischen Gas wird immer lauter. Eine Lösung ist laut dem Verbandschef Claudius da Costa Gomez das Biogas.

München - Rekordpreise für fossile Energieträger und die wirtschaftliche Abhängigkeit von Putin*: Europa sucht verzweifelt nach Alternativen zum russischen Erdgas. Eine mögliche Lösung der Misere ist Biogas. Bisher spielt der Energieträger aus heimischer Erzeugung eine eher untergeordnete Rolle in der Energieversorgung. Doch das Potenzial der grünen Technologie ist noch lange nicht ausgereizt, erklärt Claudius da Costa Gomez, Hauptgeschäftsführer des Fachverbands Biogas.

Herr da Costa Gomez, Biogas kennen viele nur wegen der markanten grünen Kuppeln in der Landschaft. Was geschieht dort genau?

In den Anlagen wird Biomasse – Gülle, Bioabfälle oder Energiepflanzen – unter Luftabschluss vergoren. Dabei entsteht Biogas, das in den Kuppeln aufgefangen und meistens im hofeigenen Blockheizkraftwerk zu Strom und Wärme umgewandelt wird. Das Gas besteht zu etwa 55 Prozent aus Methan und zu knapp 45 Prozent aus CO2. Der flüssige Rest, der nach der Vergärung übrig bleibt, wird als organischer Dünger auf die Felder ausgebracht.

Methan und CO2 kennt man eher als Klima-Gase.

Das im Biogas enthaltene CO2 wurde vorher aus der Luft von den Pflanzen gebunden, ist also klimaneutral. Das Methan ist der interessante Bestandteil, denn auch Erdgas besteht zu 98 Prozent daraus. Aufbereitetes Biogas kann problemlos ins Gasnetz eingespeist und wie Erdgas genutzt werden.

Wozu brauchen wir dann russisches Erdgas?

Zu Biomethan aufbereitetes Biogas war bislang aber teurer als Erdgas, das normalerweise rund 25 Euro pro Megawattstunde kostete. Jetzt, wo an den Börsen teilweise über 200 Euro pro Megawattstunde Erdgas gezahlt werden, ist Biogas mit Kosten zwischen 60 und 100 Euro auch als Brennstoff interessanter geworden. Außerdem wird Erdgas langfristig auch aufgrund der CO2-Bepreisung teurer werden.

Biogas als Lösung für steigende Energiepreise: „Maissilos sind voll“

Wie viel Biogas kann die Branche denn noch liefern?

Alle 9600 Anlagen in Deutschland haben gemeinsam eine Leistung von rund 5700 Megawatt, mit der sie im Jahr 95 Terrawattstunden Energie bereitstellen. Damit ließe sich schon heute der Strombedarf von rund zehn Millionen Haushalten und der Wärmebedarf von einer Million Haushalten decken.

Ließe sich dieses Volumen steigern?

Ja. Die Maissilos sind voll und viele Anlagen, die nur Gülle verwerten, laufen nicht auf Volllast, damit sie nicht in eine schlechtere Vergütungsstufe nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) fallen. Durch entsprechende Regelungen im Erneuerbare- Energien-Gesetz, aber auch Vereinfachungen bei den Genehmigungen, könnten wir kurzfristig 20 Prozent mehr Biogas bereitstellen. Wenn es politisch gewollt ist, könnten wir dann die Produktion auch innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahren verdoppeln, was gut einem Drittel der Gasimporte aus Russland entspräche.

Aber es gibt ökologische Bedenken gegen den oft verwendeten Mais.

Die Verdoppelung basiert auf der Annahme, dass keine zusätzlichen konventionellen Energiepflanzen angebaut werden, sondern nur Abfälle, Gülle, Grünland und Pflanzen von Biodiversitätsflächen eingesetzt werden. Der Maisanteil in Biogasanlagen ist schon lange gedeckelt, die Anbauflächen für Biogasanlagen sind rückläufig. Es gibt viele Alternativen, zum Beispiel Gras, Blühwiesen oder die Durchwachsene Silphie. Biogas kann dadurch einen wichtigen Beitrag zu mehr Artenvielfalt leisten. Allerdings ist die Gasausbeute von Blühwiesen nur etwa halb so hoch wie die von Mais. Wenn die Landwirte also zukünftig mehr bunte Blumen vergären sollen, muss geklärt werden, wer die Kosten dafür trägt.

Biogasanlagen als Alternative zu Strom aus Wind und Sonne

Also sind Biogasanlagen immer auf Subventionen angewiesen?

Aktuell und in näherer Zukunft sind die meisten Biogasanlagen auf die Vergütung aus dem EEG angewiesen. Allerdings ist es schon jetzt so, dass zu bestimmten Zeiten – zum Beispiel an windstillen Abenden oder an Tagen mit hohem Strombedarf – flexible Biogasanlagen ihre Produktion erhöhen und damit von besseren Preisen an den Strommärkten profitieren.

Wie muss man sich das vorstellen?

Der Strom aus Wind und Sonne ist zwar günstig, aber nicht immer verfügbar. Bei der sogenannten Dunkelflaute steigen deshalb die Preise an den Strombörsen, um den Bedarf zu decken. Dadurch wird Strom aus Biogas rentabel und schließt gleichzeitig die Versorgungslücke, wodurch eine hundertprozentig regenerative Energieversorgung möglich ist. Außerdem wird die Nachfrage nach einer verlässlichen Wärmeversorgung steigen. Dies wird die Wirtschaftlichkeit der Anlagen und die Versorgungssicherheit Deutschlands verbessern.

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