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Deutsche Firmen leiden unter Lockdowns in China: Logistik und Lieferketten erheblich gestört

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Von: Christiane Kühl

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Gesundheitspersonal im Hof eines typischen Shanghaier Wohnblocks von Jing‘an im Westen der Stadt
Blick hinaus aus der Quarantäne: Gesundheitspersonal im Hof eines typischen Shanghaier Wohnblocks im Westen der Stadt. Der Westteil Puxi ist seit Freitag im Lockdown. © HECTOR RETAMAL/AFP

Deutsche Firmen in China leiden unter der aktuellen Omikron-Welle. Vor allem Logistik und Lieferketten sind betroffen. In einer AHK-Umfrage wünschen sich die Firmen mehr Transparenz und Planbarkeit.

Peking/Shanghai/München – Omikron greift in China* immer weiter um sich. Landesweit bilden sich neue Herde; besonders betroffen sind derzeit Shanghai* sowie die nordostchinesische Provinz Jilin. Das hat inzwischen auch zunehmende Auswirkungen auf die Wirtschaft – inklusive der deutschen Firmen, die vor Ort produzieren. 51 Prozent von ihnen gaben in einer Blitzumfrage der Deutschen Außenhandelskammer (AHK) in China „eine vollständige Störung oder schwerwiegende Auswirkungen auf ihre Logistik und Lagerhaltung“ an. 46 Prozent meldeten eine ebensolche Störung für ihre Lieferketten.

Dabei haben nach Angaben der AHK vor allem Firmen aus den Bereichen Maschinenbau und Industrieanlagen Probleme: Für 54 Prozent waren Logistik und Lagerhaltung beeinträchtigt, für 55 Prozent die Lieferketten. Das bedeutet zum Beispiel, dass wichtige Vorprodukte bei den Fabriken nicht ankommen. Ebenfalls stark betroffen ist laut AHK die Automobil- und Mobilitätsbranche. Nur sieben Prozent spürten bislang gar keine Auswirkungen der vielen Corona-Restriktionen infolge der neuen Omikron-Welle.

Chinas Lockdowns: Deutsche Unternehmen spüren Behinderungen deutlich

„Deutsche Unternehmen spüren es deutlich, wenn ganze Millionen-Städte abgeriegelt werden“, sagt Jens Hildebrandt, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der AHK für Nordchina. „Aber eben auch bei punktuellen Lockdowns, wenn sie genau dort angesiedelt sind oder ihre Mitarbeiter in entsprechenden Gebieten leben. Das hat Auswirkungen auf die Lieferketten und die Produktion vor Ort. Die Produktion wird dann meist runtergefahren, LKWs kommen nicht mehr rein oder raus und Mitarbeiter nicht zur Arbeit.“

Einschränkungen gibt es punktuell inzwischen im ganzen Land. Überregionale Transporte sind schwierig, weil alle Gebiete umfahren werden müssen, die als „mittleres Risiko“ oder „hohes Risiko“ eingestuft sind. „Fährt der Fahrer einmal in ein solches Gebiet rein, erscheint an dem für alle obligatorischen Health Code, der per Mobiltelefon erzeugt wird, ein ‚Sternchen‘“, erklärt Hildebrandt gegenüber Merkur.de. „Das bedeutet, der Fahrer würde dann am nächsten Ort, also dort, wo er von der Autobahn abfährt, mit Quarantäne rechnen müssen.“ Auch halten Covid-Tests bei Warensendungen den Transport auf. Container sind teilweise wegen den Tests einen Monat länger im Hafen oder im Stau an der Grenze, etwa zwischen China und Kasachstan“.

Deutsche Firmen in China: Resilienz hat zugenommen, der Frust bleibt

„Was Unternehmen jetzt brauchen, sind Anzeichen von Stabilität“, teilte der Kammer-Vorstand in einer gemeinsamen Erklärung mit. Zwei Drittel der befragten Firmen hätten gern eine rechtzeitige und transparente Kommunikation der Lokalregierungen über die Corona-Maßnahmen. Knapp 40 Prozent wollen einfachere Quarantäne-Regeln.

„Die generelle Resilienz der Unternehmen hat zugenommen”, sagt Thomas König, Referatsleiter China des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Sie haben gelernt, trotz einer Unplanbarkeit der Lage so gut wie möglich zu planen.” In Shanghai haben zum Beispiel größere Firmen direkt vor dem Lockdown Teile ihrer Belegschaft für mehrere Tage auf dem Werksgelände einquartiert, damit sie trotzdem arbeiten können. Sie stellen Betten, Nahrung und Waschmöglichkeiten bereit und rotieren die Mitarbeitenden nach Möglichkeit. Die meisten Firmen würden erkennen, dass die Lage auch für die Behörden nicht einfach sei, und hätten Geduld, so König zu Merkur.de. „Dennoch ist die Situation für viele vor Ort frustrierend.“

Shanghai: Lockdown des Wirtschaftszentrums als Auslöser vieler Sorgen

Die aktuell umlaufende Omikron-BA.2-Variante stellt die Null-Covid-Strategie der Regierung auf eine harte Probe. Denn wenn überhaupt, kann die hochansteckende Variante nur mit allerhärtesten Maßnahmen halbwegs eingedämmt werden. „Angesichts der hohen Übertragbarkeit, ist es wahrscheinlich, dass die Situation doch noch außer Kontrolle gerät, so wie es auch in Hongkong eskaliert ist*“, vermutet König. Die Maßnahmen der Behörden seien überall unterschiedlich. „Es wird also schwierig sein, immer zeitnah verlässliche Informationen zu bekommen, was genau wo vor Ort gemacht wird, und den Überblick zu behalten.“

Der sehr kurzfristig verkündete Lockdown für Shanghai als das wichtigste Wirtschaftszentrum des Landes* hatte auch viele deutsche Unternehmen überrascht. Das gesamte Jangtse-Delta rund um die Metropole ist eine der bestentwickelten Produktions-Hochburgen des Landes. Auch deutsche Unternehmen fertigen im großen Stil in der Region. Im gesamten Delta gibt es nun auch zahlreiche kleinere Corona-Hotspots. Außerdem ist Shanghai für all diese Standorte der wichtigste Verkehrs-Knotenpunkt und Tor der Exportprodukte zur Welt.

Der Shanghaier Yangshan-Tiefwasserhafen hat im vergangenen Jahr 22,8 Millionen TEU-Container umgeschlagen und ist damit der verkehrsreichste Hafen der Welt. Wegen des Lockdowns im Ostteil Shanghais aber operieren Yangshan und der stadtnahe Hafen Waigaoqiao zunächst bis Freitag nur mit der Hälfte ihrer Kapazität inmitten strenger Quarantäne- und Testverfahren. Auch die zwei Flughäfen der Stadt wurden auf ein Minimum heruntergefahren. Zwar könne dort Luftfracht ankommen und auch durch die Zollabfertigung, sagt Jens Hildebrandt. „Die Fracht kann dann aber nicht mehr weitertransportiert werden, weil auf den Straßen Pudongs kaum LKWs fahren können.“

Ein Drittel der deutschen Firmen beklagte in der AHK-Umfrage, dass die Ausfuhren nach Europa beeinträchtigt seien. Von diesen dürften sehr viele vom Shanghaier Lockdown betroffen sein. Omikron in China dürfte also demnächst auch in Deutschland wieder spürbar werden.

Shanghai: VW-Werk im Westen der Stadt steht still

Viele Firmen versuchen, trotz des Lockdowns in Shanghai weiter zu produzieren. Doch das gelingt immer weniger. Volkswagen musste die Produktion am Freitag in seinem Werk im westlichen Vorort Anting anders als geplant nun doch einstellen. Bis Dienstag werden nach Angaben einer Sprecherin dort nur Wartungsarbeiten durchgeführt. Nur im Presswerk werde produziert. Autos liefen nicht vom Band. Zuvor hatten VW und sein chinesischer Joint-Venture-Partner Shanghai Automotive (SAIC) noch vorgehabt, zumindest Teile der Produktion aufrechtzuerhalten. Dazu sollten Mitarbeiter wie eben auch bei anderen Firmen freiwillig auf dem Werksgelände in einem „geschlossenen Kreislauf“ wie in einer Blase isoliert wohnen und arbeiten. Das Werk musste aber schon am Donnerstag teilweise heruntergefahren werden, weil Zulieferteile fehlen. Das zeigt, wie unwägbar die Lage ist.

So wie VW geht es vielen Firmen in Shanghai. Auch Toyota und Tesla berichten von Ausfällen, ebenso wie zahlreiche Zulieferer. VW und Toyota trifft es zudem gleich doppelt: Beide Konzerne mussten bereits in Jilins Provinzhauptstadt Changchun ihre Produktion einstellen, die seit mehr als zwei Wochen im Lockdown ist.

China in der Omikron-Welle: Die ganze Wirtschaft ist betroffen

Die Lockdowns schlagen voraussichtlich auch auf die gesamte Konjunktur durch. Analysten der Schweizer Bank UBS gehen nur noch von vier Prozent Wachstum in diesem Jahr aus. Ministerpräsident Li Keqiang* hatte auf dem Nationalen Volkskongress vor weniger als einem Monat noch 5,5 Prozent als Zielmarke ausgegeben. Damals hatte Peking wohl noch gehofft, dass Omikron sich auf einzelne Ausbrüche begrenzen lasse. Und es war, bevor klar wurde, dass der Ukraine-Krieg nicht in Windeseile von Moskau gewonnen wird, sondern immer mehr zu einem blutigen Stellungskrieg wird.

Der Ukraine-Krieg* hinterlässt auch Spuren bei den deutschen Firmen in China. 46 Prozent der befragten deutschen Unternehmen sind in ihrer Logistik zwischen China und Europa davon betroffen, 57 Prozent gaben an, dass die aktuelle geopolitische Krise die China-Strategie ihrer Zentrale beeinflusst. 55 Prozent leiden unter den steigenden Energie- und Materialkosten, und zwar vor allem die kleineren Firmen in China. Aufgrund der Krise erwarten 32 Prozent der Befragten, dass geplante Geschäfte oder Investitionen in China auf Eis gelegt werden.

China: Deutsche Firmen wollen Abhängigkeit verringern

Dabei ist fast die Hälfte aller deutschen Industriefirmen auf wichtige Vorleistungen aus China angewiesen. Viele wollen angesichts der Lage und auch de Spannungen mit China diese Abhängigkeit verringern. Das wiederum geht aus einer aktuellen Umfrage des Münchner ifo-Instituts hervor. „46 Prozent aller Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes geben an, aus China bedeutsame Vorleistungen zu beziehen. Von diesen Unternehmen plant fast jedes zweite, diese Importe aus China in Zukunft zu verringern“, sagte Lisandra Flach, die Leiterin des ifo-Zentrums für Außenwirtschaft, am Donnerstag. Die Unternehmen wollen damit ihre Bezugsquellen stärker diversifizieren, Kosten und Risiken in der Logistik verringern und sich gegen politische Unsicherheit rüsten. „Allerdings ist Deutschland bei mehreren spezifischen Industriegütern und Rohstoffen abhängig von China“, sagt Flach.

Eine überstürzte Entkoppelung wird es also nicht geben. „Wenn sich Deutschland abrupt von der chinesischen Wirtschaft abkoppelt, würden spezifische und wichtige Lieferketten unterbrochen. Deswegen ist es notwendig, sich verstärkt um Diversifizierung bei kritischen Gütern und Rohstoffen auf europäischer Ebene zu bemühen“, sagte Andreas Baur, der gemeinsam mit Flach einen Aufsatz im ifo-Schnelldienst geschrieben hat. „Die EU-Länder sollten mit größtmöglicher Geschlossenheit gegenüber Peking auftreten. Das wird für die Zukunft der Handelsbeziehungen mit China entscheidend sein.“ (ck) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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