Handwerk und Handel: Lehrlinge dringend gesucht

Berlin - Handwerk und Handel werben angesichts rückläufiger Schulabgängerzahlen um Lehrlinge. Zu Beginn des Ausbildungsjahres melden die Arbeitsagenturen noch 108.500 freie Stellen - aber auch 152.600 unversorgte Bewerber.

Nach Jahren des Rückgangs gibt es im Handwerk erstmals bundesweit wieder mehr Lehrstellen. Aber auch Industrie, Handel, Banken und Versicherungen melden im Westen ein leichtes Plus bei den Neuverträgen - im Osten dagegen ein Minus. Die Botschaft der Kammern an die Jugendlichen: In fast allen Branchen und Berufen gibt es noch freie Angebote. Handwerkspräsident Otto Kentzler sprach am Mittwoch in der “Bild“- Zeitung von 15 000 freien Stellen, die über die Lehrstellenbörsen der Kammern jetzt vermittelt würden. Kentzler: “Junge Leute haben die große Auswahl.“ Das Handwerk hat nach eigenen Angaben bis Ende Juli 82 427 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen - 1,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) meldete 227 760 Neuverträge.

Das bedeutet im Westen ein Plus von 0,6 Prozent, im Osten ein Minus von 3,7 Prozent. Rund 85 Prozent aller Lehrverträge werden im Handwerk und im DIHK-Bereich abgeschlossen. Im Frühjahr war wegen der Wirtschaftskrise ein Rückgang bei den Neuverträgen um rund 20 000 vorausgesagt worden. Das neue Ausbildungsjahr beginnt je nach Bundesland und Berufsbereich zwischen dem 1. August und dem 1. September. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren bundesweit Ende Juli noch 108 500 Lehrstellen unbesetzt. Das sind 9500 oder 10 Prozent mehr als im Vorjahr. 152 600 Bewerber sind noch unversorgt - 13 600 oder acht Prozent weniger als im Vorjahr. Von den Unversorgten haben fast 60 000 einen Realschulabschluss, mehr als 20 000 Fachhochschulreife oder Abitur.

Ein Sprecher des Bundesinstituts für Berufsbildung sagte der Nachrichtenagentur dpa: “Die Vermittlungschancen sind deutlich besser als befürchtet. Aber noch sind die Strukturprobleme nicht gelöst. Für Euphorie gibt es keinen Anlass.“ DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann klagte erneut über eine mangelnde Ausbildungsreife vieler Bewerber. 20 Prozent der 15- Jährigen könnten nur unzureichend lesen, schreiben und rechnen. Mehr als die Hälfte der ausbildenden Unternehmen organisiere Nachhilfe für diese Jugendlichen. Driftmann berief sich dabei auf die PISA- Schulstudien. Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Ernst Dieter Rossmann, warnte vor “Schönfärberei“. Noch immer gebe es deutlich mehr unversorgte Bewerber als freie Ausbildungsplätze. Der Zuwachs von 1,8 Prozent bei den Neuverträgen im Handwerk sei “erfreulich, aber mitnichten ein “Boom““.

Im vergangenen Jahr habe es dort einen Rückgang von 5,1 Prozent gegeben. Für die Linken-Bundestagsfraktion sagte Agnes Alpers, man dürfe angesichts der neuen Zahlen nicht verschweigen, dass auch noch über 320 000 Altbewerber nach einem Ausbildungsplatz suchten. Auch gebe es nach wie vor 1,5 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren, die keinen Berufsabschluss hätten. “Die 15 000 offenen Stellen im Handwerk sind da nur ein Tropfen auf dem heißen Stein“. Nach dem Juli-Bericht der Bundesagentur gibt es vor allem im Baugewerbe, aber auch bei der Textilherstellung deutlich mehr freie Lehrstellen als Bewerber.

Gute Chancen gibt es auch im Gastgewerbe und bei den Reinigungsberufen. Regional gibt es im Osten wegen des starken Schülerrückganges in mehreren Arbeitsamtsbezirken mehr freie Stellen als Bewerber. Relativ gut sieht die Situation auch in Großstädten wie Hamburg, Düsseldorf, Köln und München aus. Den Arbeitsagenturen wurden bis Ende Juli 424 200 freie Ausbildungsstellen gemeldet - 10 200 oder zwei Prozent mehr als im Vorjahr. Gemessen am Vergleichszeitraum des Boomjahres 2007/2008 waren dies allerdings fünf Prozent weniger Stellen. Bis Ende Juli bewarben sich 511 200 junge Menschen. Das sind 3800 oder ein Prozent weniger als im Vorjahr.

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare