Vorstoß der EU-Kommission

Handwerker: Deutscher Meisterbrief in Gefahr

Brüssel - Ein neuer Vorstoß der EU-Kommission könnte den deutschen Meisterbrief aushöhlen. Deutschland solle stärker an der Öffnung des Dienstleistungssektors arbeiten, fordert sie.

Bäcker und Tischler, Friseur und Landmaschinenmechaniker: Das sind nur einige der Berufe, für die das deutsche Handwerk Ungemach aus Brüssel befürchtet. Denn bislang sind die Könner in den zum Teil Jahrhunderte alten Metiers durch einen Qualitätsausweis für jeden erkennbar: Den deutschen Meisterbrief. Ihn könnte ein neuer Vorstoß der EU-Kommission aushöhlen, lautet die Befürchtung.

Die EU-Kommission arbeite daran, "bewährte und notwendige Qualifikationsanforderungen abzuschaffen", warnte Handwerks-Präsident Hans Peter Wollseifer vor kurzem. In letzter Konsequenz könnte der deutsche Meisterbrief "auf Druck aus Europa ausgehöhlt" werden, urteilte der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks.

Tatsächlich hat die EU-Kommission Ende 2013 eine Initiative zu den Berufszugangsvoraussetzungen gestartet. Sie will von jedem Land wissen, wie es um die Eintrittshürden für aberhunderte Berufe steht - also nicht nur im Handwerk. Daraus will die Behörde eine "Europakarte der reglementierten Berufe" erstellen, wie sie im Oktober ankündigte. Doch das ist nur der Auftakt: Es schließt sich eine Evaluierung an. Dabei sollen die einzelnen Länder ihre eigenen Regeln und die der anderen Länder unter die Lupe nehmen.

Denn die Voraussetzungen in den 28 EU-Staaten seien insgesamt zu aufwändig und verschieden, argumentiert die Kommission: "Dies entmutigt die Arbeitskräfte, in anderen Mitgliedstaaten eine Beschäftigung zu suchen und aufzunehmen." Fachkräftemangel, Arbeitslosigkeit, fehlendes Wachstum - all dies hänge auch vom komplizierten Zugang zum Beruf ab.

"Dienstleistungen für untere Einkommensgruppen bezahlbar machen"

Offen ist derzeit, wie es nach der Prüfung weiter geht. Die Kommission hat keine konkreten Pläne in der Schublade. In einer Empfehlung vom vergangenen Frühjahr schreibt sie allerdings, dass Deutschland "stärker an der Öffnung des Dienstleistungssektors arbeiten" solle - und nennt in dem Zusammenhang den Meisterbrief.

Allerdings befürchtet die große Koalition, die sich im Koalitionsvertrag zum Meisterbrief bekannt hat, zumindest keinen Frontalangriff aus Brüssel. Sorgen, dass die EU-Prüfung automatisch zu einem "Zwang zu weiterer Dereglementierung im Handwerk" führen könnte, würden "nicht geteilt", teilt das Haus von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) mit.

Der CDU-Europaparlamentarier Andreas Schwab erklärt kategorisch, der Meisterbrief sei "nicht in Gefahr". Davon abgesehen erkennt Schwab auch positive Seiten an der Brüsseler Initiative. Denn wo unnötige Hürden abgebaut würden, entstünden neue Chancen für Wachstum und exportorientierte Unternehmen, meint der Unions-Abgeordnete. Das könne deutschen Firmen im Ausland zugute kommen.

Der FDP-Europaabgeordnete Michael Theurer dreht den Spieß gleich um: Er will aus dem Meisterbrief ein europäisches Modell machen. Schließlich stehe er für "Qualität, Verbraucherschutz und eine gute Ausbildung", erläutert er.

Was auch immer die EU-Kommission am Ende vorschlägt: Erstens hat sie keine Absicht, den deutschen Meisterbrief schlechthin abzuschaffen, wie eine Sprecherin dieser Tage bekräftigte. Und zweitens sieht die Behörde ihr Tun auch mit den Augen der Verbraucher. Wenn unnötige Hürden zu manchen Berufen wegfielen, so heißt es in der Empfehlung an Deutschland von 2013, werde dies "das Preisniveau senken und Dienstleistungen für die unteren Einkommensgruppen bezahlbarer machen".

afp

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