Krise schon vergessen? Banker-Boni sprudeln wieder

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Zahltag für Banker: Die Boni sprudeln wieder.

London - Es geht schon wieder los: Als hätte es keine Krise gegeben, dürfen sich die Investmentbanker in London und New York schon wieder auf fette Boni freuen. Die Politik protestiert - halbherzig.

In der Londoner City stehen die großen Zahltage bevor und die Aufregung könnte in Europas Bankenzentrum größer nicht sein: Die Investmentbanker von Branchenriesen wie Barclays, Lloyds oder HSBC fiebern der Information entgegen, wie viel ihrem Arbeitgeber ihre Leistungen des letzten Jahres wert waren.

Allein der neue Barclays-Chef Bob Diamond, der in den vergangenen beiden Jahren unter öffentlichem Druck auf seine Extrazahlungen verzichten musste, kann sich britischen Medienberichten zufolge inklusive Bonus auf bis zu 8,5 Millionen Euro Gesamteinkünfte freuen. “Es gab eine Zeit der Reue und der Bescheidenheit. Die sollte nun vorüber sein“, sagte er unverhohlen und öffentlich erst diese Woche.

Insgesamt ist nach Berechnungen von Experten von sieben Milliarden Pfund die Rede, die die britischen Banken an ihre Besten ausschütten wollen. Eine Milliarde (rund 1,19 Milliarden Euro) davon soll dem Personal der Royal Bank of Scotland zugutekommen, die vor zwei Jahren mit Steuergeldern vor dem Kollaps gerettet werden musste.

Ob solcher Zahlen ist die Nervosität ein paar Meilen die Themse hinauf noch größer: bei den Politikern in Westminster. Die wissen nicht so recht, wie sie dem kleinen Mann auf der Straße beibringen sollen, dass vom Steuerzahler gerettete Banken den gleichen Leuten fette Boni zahlen, die die Krise zu verantworten haben. Die Beinahe-Pleite der Geldhäuser hat in Großbritannien zur Folge, dass der Staat sparen muss wie noch nie - Kindergeld wird gekürzt, Studiengebühren wurden verdreifacht.

Doch die Politik steckt in der Zwickmühle. Zur Beruhigung der Volksseele würde die Downing Street die Boni gerne einfrieren. Doch Sachzwänge haben Premierminister David Cameron und seinen Schatzkanzler George Osborne von dieser populären Linie abgebracht. Zumindest will Osborne den Banken noch vor Bekanntwerden detaillierter Zahlen in der nächsten Woche abringen, dass sie ihre Zurückhaltung bei der Kreditvergabe an Kleinunternehmen aufgeben.

Barclays-Chef Diamond weiß um die Nöte der konservativen Regierung und verspricht Mäßigung. “Wir können zuhören!“, sagte er. Im Gegenzug warnte Cameron artig vor “Banker-Bashing“. Denn er weiß auch: Wenn es mit der Wirtschaft wieder aufwärtsgehen soll, dann braucht die Regierung nicht nur für die Kleinunternehmer dringend die Hilfe der Banken. Der Geldsektor macht ein Viertel des britischen Wirtschaftsvolumens aus. Jedes zehnte Pfund an Steuergeldern kommt von Banken. Über diesen Weg fließen dem Steuerzahler auch fast die Hälfte der Boni wieder zu.

Und die Banken selbst machen Druck. Europas größte Bank HSBC drohte im vergangenen Sommer offen mit dem Wegzug aus der Londoner City gen Asien, falls die Regierung die Regulierungsschraube weiter anziehen sollte. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hatte ebenfalls gewarnt, London könnte seine Bedeutung als führender Finanzplatz in Europa verlieren.

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In den USA als dem Mutterland der Megagehälter ist die Diskussion bereits abgeflaut. Der Staat hat sich aus den Großbanken, die er in der Krise stützen musste, zurückgezogen und dabei satte Gewinne eingestrichen. Denn die Banken mussten für das geliehene Geld des Steuerzahlers hohe Zinsen und Gebühren berappen. Das war Balsam für die geschundene Volksseele.

Grund zum Aufregen hätten die US-Amerikaner allerdings weiterhin zur Genüge: Mit JPMorgan hat die erste Großbank ihre Jahresbilanz vorgelegt und einen satten Konzerngewinn von unter dem Strich 17,4 Milliarden Dollar eingefahren. Die Investmentbanker, die einen guten Teil zum Ergebnis beigetragen haben, dürfen sich nun samt Boni auf ein Jahressalär von im Schnitt 370 000 Dollar freuen. Das ist zwar etwas weniger als im Vorjahr - aber auch nur, weil JPMorgan neue Leute eingestellt und nun mehr Mäuler zu stopfen hat.

Seit den 1980-er Jahren hat sich die Gehaltskluft zwischen der Finanzindustrie und anderen Branchen immer mehr verbreitert. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Banker an der Wall Street auch mal ein oder zwei Millionen Dollar verdienen. Zum Vergleich: Ein Flugzeugingenieur in den USA bekommt nach einer Auflistung der Finanz- Nachrichtenagentur Bloomberg rund 100 000 Dollar, ein Architekt 80 000 bis 100 000 Dollar. Die einzigen, die noch annähernd in die Nähe der Banker gelangen, sind Anwälte oder Chirurgen.

Von Michael Donhauser und Daniel Schnettler

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